Einführung in die Europäische Ethnologie

Einfhrung in die Europische Ethnologie WS 2008/09 Prof. Dr. Johannes Moser Bitte beachten Sie, dass in diese Einfhrungsvorlesung Literatur von verschiedenen Kolleginnen und Kollegen eingearbeitet wurde, die nicht mehr einzeln nachgewiesen werden kann. In der Literaturliste sind alle entsprechenden Titel genannt. Die Inhalte auf diesen Folien entstammen daher nur teilweise eigenen , Forschungsleistungen, weshalb diese Folien nicht zitierfhig sind. Sie sind nur fr die begleitende Verwendung zum Vorlesungsbesuch vorgesehen. Einfhrung in die Europische Ethnologie 2 Volkskunde/Europische Ethnologie ist eine Disziplin, die sich im weitesten Sinn mit der Alltagskultur bzw. mit kulturellen Phnomenen in Europischen Gesellschaften in Geschichte und Gegenwart beschftigt. In ihrer Tradition als Volkskunde lange Zeit mehr auf die eigene nationale Gesellschaft fokussiert, hat sich der Blickwinkel in den letzten Jahrzehnten verstrkt auf kulturelle Phnomene in ganz

Europa erweitert. Im Gegensatz zu manchen anderen Kulturwissenschaften richtet die Volkskunde/Europische Ethnologie ihr Augenmerk weniger auf die Hochkultur oder Lebenswelten der hheren Schichten, sondern auf das Denken, Handeln und Fhlen von Gruppen aus der breiten Bevlkerung. Vor allem die symbolischen Ordnungen des Alltagslebens in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem Wandel stehen im Zentrum des Interesses, wobei die Beziehungen von Kultur, Macht und Ungleichheit eine zentrale Rolle spielen. 2 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Kultur ist ein zentraler oder wahrscheinlich der zentrale Begriff des Faches. Fr die Begriffsgeschichte von Kultur kann zunchst auf das lateinische Wort cultura verwiesen werden, mit dem die menschliche Aneignung der Natur beschrieben wird: die Kultivierung des Bodens, die Pflege der Landwirtschaft und in weiterer Folge berhaupt Fraugen der Pflege, der Veredelung und der Ausbildung von Menschen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wird Kultur dann der Natur gegenber gestellt. Kultur ist dabei das von Menschen Erschaffene,

Natur das Ursprngliche. Natur umfasst die menschliche Leiblichkeit, Kultur die humane Geistigkeit. Herder spricht etwa von einer Kultur des Volkes und versteht darunter noch Ursprngliches und Unverbildetes. Goethe wiederum schreibt von Bildungskultur und meint menschliche Herzens- und intellektuelle Geistesbildung. 3 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Diese unterschiedlichen Semantiken, so Wolfgang Kaschuba, flieen auch in die Volkskunde des 19. Jahrhunderts ein, bleiben vielfach ungeordnet nebeneinander bestehen und werden kaum begriffs- und ideologiegeschichtlich hinterfragt. Herders Kultur des Volkes sucht nach sthetischen Zeugnissen, nach einer natrlichen Poetik, die in Mrchen und Liedtexten vermutet wird. Eine Kulturkunde der frhen Landes- und Reisebeschreibungen wiederum sammelt lndliche Bruche, populre Sitten, Kenntnisse ber den Stand der Landespflege. Bereits hier wird klar, dass die Vorstellung einer Bildungskultur neben einer Kultur von Land und Leuten vor allem verbunden mit dem Namen Wilhelm Heinrich Riehl existierte.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt dazu auch noch die politische Karriere von Kultur, die als Deutsche Kultur zum Synonym fr einen Nationalismus wurde, dem zunchst noch sie staatlich-politische Gestalt fehlte. 4 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Neben der Vorstellung von materieller und geistiger Kultur wirkte auch jene von niederer und hoher Kultur lange weiter. Riehl unterschied Bildungsgut vom primitiven Gemeinschaftsgut, Friedrich Naumann sprach von gesunkenem Kulturgut und sah die schpferische Kompetenz bei den oberen Schichten. Erst die Reformdebatten seit den 1960er Jahren fhrten zu einem reflektierten Kulturbegriff, was auch Auswirkungen auf Fragestellungen und Betrachtungsweisen hatte. Die Volkskunde hatte sich seit ihrer Etablierung fr Vernderungsprozesse interessiert, zunchst aber noch mit einem sentimentalen und bewahrenden Blick, dann interessierte sie sich dafr, wie die Vernderungen von Menschen wahrgenommen werden, welche Bedeutungen die Menschen diesen Vernderungen beimessen und welche Handlungsoptionen sich daraus ergeben. Die Diskussion um den Kulturbegriff wie das Fach insgesamt wurde durch verschiedene theoretische Konzepte beeinflusst. 5 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Eines dieser Konzepte ist das der Zivilisation von Norbert Elias.

Norbert Elias (1897-1990), als Sohn jdischer Eltern in Breslau geboren, 1915 Abitur, bis 1917 Kriegsdienst. Er studierte in Breslau, Heidelberg (u.a. bei Karl Jaspers), Freiburg im Breisgau (u.a. bei Edmund Husserl). Er promoviert 1922 mit der Arbeit Idee und Individuum. Eine kritische Untersuchung zum Begriff der Geschichte. 1924 ging er wieder nach Heidelberg, arbeitete fr Karl Mannheim und sa im Oberseminar bei Alfred Weber. Er folgte dann Karl Mannheim nach Frankfurt am Main, wo er 1932/ 33 seine Habilitationsschrift Der hfische Mensch einreichte. Fr die Lehrbefugnis fehlte nur noch die Antrittsvorlesung, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Elias floh nach Frankreich und 1935 weiter nach England. Dort schrieb er im Lesesaal des British Museum sein zweibndiges Werk ber den Proze der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (1936; publiziert 1939). 6 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Elias schlug sich mit Unterricht an Volkshochschulen durch. Erst 1954 erhielt er eine Dozentenstelle am Department of Soziology der Universitt Leicester, wo er bis 1962 unterrichtete. Bei ihm studierten etwa Anthony Giddens und Martin Albrow. Von 1962 bis 1964 hatte er eine Professur an der University of

Ghana in Accra inne. 1965 kam er als Gastprofessor an der Universitt Mnster erstmals seit seiner Flucht nach deutschland zurck. Seit 1975 hatte er seinen Hauptwohnsitz in den Niederlanden und erst in den 1970er Jahren wurde aus seinem Proze der Zivilisation ein wissenschaftlicher Bestseller. 1977 erhlt Elias den ersten Adorno-Preis und von 1978 bis 1984 arbeitet er am Zentrum fr interdisziplinre Forschung in Bielefeld und an der Ruhr-Universitt Bochum. Bis zu seinem Tod im Jahr 1990 in Amsterdam arbeitete er unermdlich an seinem Werk weiter. 7 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Sein Hauptwerk ist der Proze der Zivilisation, das nachhaltigen Einflu auf die Sozial- und Geisteswissenschaften ausbte. Im Grunde geht es dabei darum, die Vernderungen menschlichen Verhaltens, der Empfindungen und Affekte als einen Zivilisationsprozess zu verstehen. Zivilisation ist fr Elias dabei die langfristige Umwandlung von Auenzwngen in Innenzwnge. Elias beschreibt "Zivilisierung" als einen langfristigen Wandel der Persnlichkeitsstrukturen, den er auf einen Wandel der Sozialstrukturen zurckfhrt. Faktoren des sozialen Wandels sind der kontinuierliche technische Fortschritt und die Differenzierung der Gesellschaften einerseits sowie der stndige Konkurrenz- und Ausscheidungskampf zwischen Menschen und Menschengruppen andererseits. 8 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur

Diese fhren zu einer Zentralisierung der Gesellschaften (Einrichtung staatlicher Gewalt- und Steuermonopole) sowie zur Geldwirtschaft. Das Bindeglied zwischen diesen sozialstrukturellen Vernderungen und den Vernderungen der Persnlichkeitsstruktur ist die Tatsache, dass die gegenseitigen Abhngigkeiten wachsen, durch die "Inter-aktionsketten", in die Menschen eingebunden sind. Dies erzwingt eine zunehmende Affektkontrolle, d.h. zwischen spontanem emotionalem Impuls und tatschlicher Handlung tritt immer mehr ein Zurckhalten dieses Impulses und ein berdenken der (Rck)Wirkungen des eigenen Handelns. 9 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Das hat verschiedene Folgen: das Sinken der Gewaltbereitschaft; das Vorrcken der "Schamschwellen";

das Vorrcken der "Peinlichkeitsschwellen"; eine "Psychologisierung", d.h. die Steigerung der Fhigkeit, die Vorgnge innerhalb anderer Menschen zu verstehen; eine "Rationalisierung", d.h. eine Steigerung der "Langsicht", also der Fhigkeit, die Folgen der eigenen Handlungen ber immer mehr Glieder der Kausalketten vorauszu"berechnen". Elias zeigt "wie etwa von den verschiedenen Seiten her Fremdzwnge sich in Selbstzwnge verwandeln, wie in immer differenzierterer Form menschliche Verrichtungen hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens verdrngt und mit Schamgefhlen belegt werden, wie die Regelung des gesamten Trieb- und Affektlebens durch eine bestndige Selbstkontrolle immer allseitiger, gleichmiger und stabiler wird." 10 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Fr Elias bestimmt eine fundamentale dynamische Verflechtungsord-nung ("Figuration") den Gang des geschichtlichen Wandels; "sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt." Diese Verflechtungsordnung ist recht einfach: "Plne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen bestndig freundlich oder feindlich ineinander."

Aber er weist auch darauf hin, "dass sich aus allem Planen und Handeln der Menschen vieles ergibt, was kein Mensch bei seinem Handeln eigentlich beabsichtigt hat. In der Entwicklung der abendlndischen Gesellschaft "differenzieren sich die gesellschaftlichen Funktionen unter einem starken Konkurrenzdruck mehr und mehr." Die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionen bestimmt die Richtung der "Vernderung des Verhaltens im Sinne einer immer differenzierteren Regelung der gesamten, psychischen Apparatur." 11 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Diese differenziertere und stabilere Regelung wird dem einzelnen Menschen von klein auf mehr und mehr, als ein Automatismus angezchtet, "als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewutsein will." "Die fortschreitende Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen ist nur die erste, die allgemeinste der gesellschaftlichen Transformationen. ... Mit ihr, ... geht eine totale Umorganisierung des gesellschaftlichen Gewebes Hand in Hand." "Die eigentmliche Stabilitt der psychischen Selbstzwang-Apparatur, ..., steht mit der Ausbildung von Monopolinstitution der krperlichen Gewalt und mit der wachsenden Stabilitt der gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang. In frheren Gesellschaften lebt der Einzelne ungeschtzter. Auf der einen Seite war er freier, sich der Lust hinzugeben, auf der anderen

Seite war er gefhrdeter durch Feinde oder Naturphnomene. Es war ein Leben zwischen Extremen. 12 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Elias behauptet nicht, dass es frher keine Formen von Selbstzwngen gegeben htte, aber es "ist ein anderer Typus von Selbstbeherrschung oder Selbstzwang." Der neue Typus ist nicht mehr so ausgelassen, nicht mehr so extrem in den Schwankungen - zwischen Lust und Unlust, Freude und Leid -, sondern bewegt sich auf einer mittleren Linie. Elias beschrieb also eine Entwicklung hin zur Individualisierung, die die Ausbildung individueller Fhigkeiten ebenso befrdert wie die Anpassung von Verhaltensstandards. Die Geschichte der Zivilisierung sieht er als einen sozio- und psychogenetischen Vorgang, als einen Prozess der gesellschaftlichen Verhaltenskonditionierung, der sich in moralischen Strategien der Bedrfnis- und Triebkontrolle niederschlgt. Der Proze der Zivilisation rief natrliche auch viele Kritiker auf den Plan. Vor allem der Ethnologe Hans Peter Duerr versuchte, den Zivilisationsprozess als Mythos zu entlarven. 13 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur

Dieser Mythos, so Duerr, besage, dass die derzeitige Domestikation unserer tierischen Natur das Ergebnis eines langwierigen Prozesses sei, der im westlichen Europa gegen Ende des Mittelalters und bei den primitiven Vlkern erst in jngster Zeit begonnen habe. Vor allem wehrt sich Duerr nicht zu Unrecht gegen ein Zerrbild fremder Kulturen, denn Elias hat offenbar berhaupt keine rezenten ethnologischen Bcher gelesen und kommt daher zu einer ziemlichen Fehleinschtzung dieser von ihm so genannten Primitiven. In akribischer Quellenarbeit widerlegt Duerr Elias, er bringt fr die unterschiedlichen Epochen sowohl in Europa als auch in der Dritten Welt Belege, die den Thesen Elias weitgehend widersprechen. Whrend Elias unter der Rubrik natrliche Bedrfnisse nachzuzeichnen versucht, wie sich gewisse Scham- und Peinlichkeitsgrenzen erst nach und nach herausbilden, kann Duerr zeigen, dass Urinieren, Defkieren und Furzen in praktisch allen Kulturen dieser Welt mit Ekel- und Schamgefhlen sowie Peinlichkeitsschwellen besetzt ist. 14 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Andere Kritiker meinen, sein Geschichtsmodell sei zu nahe an lngst berholten Evolutionstheorien.

Zudem wird der Verdacht geuert, Elias habe seine Belege zu sehr an die bereits bestehende Theorie angepasst.. Ein anderer Kritikpunkt bezieht sich darauf, wie Elias seine an der Oberschicht gefundenen Befunde auf andere Schichten und Milieus sowie auf andere Vlker und Kulturen bertrgt. Durch seine bervereinfachende Modellkonstruktion, so ein letzter hier zu erwhnender Kritikpunkt, geraten aber auch einzelne Befunde von Elias in ein schiefes Licht, weil damit Entwicklungen nicht gedeutet werden knnen, die seiner Konstruktion zuwiderlaufen z.B. im Bereich der wieder liberaler gewordenen Vorstellungen und Praktiken in Bezug auf Nacktheit oder Sexualitt. Die Zivilisationstheorie sollte aber dennoch nicht zu gering geschtzt werden, weil sie gewisse Perspektiven erffnet. 15 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Ein Erbe von Elias Theorie liegt in einer nachdrcklichen Orientierung an gesellschaftlichen Prozessen Prozesse, die niemals zu Ende sind und laufend beobachtet aber ebenso gestaltet werden knnen. Ein anderer zentraler Punkt ist sicherlich die Beobachtung, dass eine Verlagerung der Kontrolle durch andere von einer

Selbstkontrolle der so genannten Selbstzwangapparatur abgelst wird. Damit ist auch jene Entwicklung zur Individualisierung angedeutet, die sptes-tens seit Ulrich Becks Risikogesellschaft auf der Agenda der Sozialwissenschaften steht. Schlielich war Norbert Elias ein groer Intellektueller, der mit seinem Sptwerk noch zu berzeugen wusste und neben der Zivilisationstheorie eben noch andere wichtige Bcher verfasste: seine wissenssoziologischen Studien Engagement und Distanzierung und ber die Zeit; Die Gesellschaft der Individuen; Studien ber die Deutschen und zusammen mit John Scotson das Buch Etablierte und Auenseiter, um nur einige zu nennen. 16 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur In den 1970er Jahren beeinflussen aber auch andere Debatten die Kulturwissenschaften so insbesondere die unter dem Namen Cultural Studies bekannt gewordene Richtung. Der Ursprung dieser Debatte ist vor allem mit drei Namen verbunden, die auch als die Grndungsvter der Cultural Studies gelten: Richard Hoggart, Raymond Williams, und Edward P. Thompson.

Raymond Williams (1921 1988): Culture and Society (1958) Edward Palmer Thompson (1924 - 1993) Richard Hoggart (* 1918): The Uses of Literacy (1957), Begrnder des Centre of Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham Alle drei Wissenschaftler verabschieden sich von einem Verstndnis von Kultur, das sich ausschlielich auf sthetische und intellektuelle Werke und Prozesse bezieht. Hoggart und Williams waren so genannte scholarship boys (Schulstipendiaten), die aus dem Arbeitermilieu stammten 17 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Der scholarship boy war so etwas wie die soziale Figur des marginal man nach Robert E. Park. Dabei handelt es sich um eine Person, die sich im Grenzbereich zweier Kulturen befindet, an beiden teilhat, aber keiner wirklich angehrt. Williams meint in einem programmatischen Essay aus dem Jahr 1958 Culture is ordinary, Kultur also etwas alltgliches.

Damit werden die gelebten Erfahrungen und das Alltagshandeln als sozial bedeutsame und kulturell bedeutungsvolle Praxen themati-siert. Williams prgte die vielzitierte Definition von Kultur als "umfassende Lebensweise", "als Weg, alle unsere gemeinsamen Erfahrungen darzustellen". Fr Hoggart wiederum spielte die Bildung die entscheidende Rolle fr den Aufbau einer gerechteren und demokratischen Gesellschaft. Sein Buch The Uses of Literacy ist ein Textbuch zur Populr- und Massenkultur, dem er allerdings einen ethnographischen Teil voranstellt, der die Rezipienten dieser Massenpublikationen beschrieb. 18 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Hoggart beschreibt den Schauplatz und die Protagonisten, deren Denk- und Sprachmuster, Alltagsleben und Freizeitvergngen. Dieser Teil kann als eine authentische Beschreibung der Arbeiterkultur der Zwischenkriegszeit gelten von den khnen Tapetenmustern bis zum Einkauf im Woolworth, von den Gerchen bis zur debun-king art, der volkstmlichen Kunst des Verarschens. Ihn zeichnete, wie Rolf Lindner meinte, eine Aufmerksamkeit fr die scheinbar nebenschlichsten und minderwertigsten Untersuchungsgegenstnde aus.

Bei Hoggart verfgen die Dinge ber eine emotionale Sprache, allem Dekorativen kommt groer Glanz zu. Die Nippes sind Zeichen fr die guten Zeiten, zeugen von Rummelplatzbesuchen, von Ausflgen etc. Fr Hoggart sind es die Prinzipien der Selbstachtung, der Geselligkeit, auch der Kumpanei, des leben und leben lassen, die den Bezug zur Massenkultur und zu den wirklichen Dingen regulieren. Keine Rede ist bei ihm vom so genannten Notwendigkeitsge-schmack der populren Klasse, sondern diese ist ganz im Gegenteil trotz aller konomischen Zwnge in der Lage, ihren Mitgliedern Selbstachtung und Wrde zu verleihen. 19 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Bei Hoggart ist das angelegt, was Stuart Hall insgesamt zum Kulturverstndnis der Cultural Studies meinte: Das heit, dass die Kultur eher im Hinblick auf ihre Beziehung zwischen einer sozialen Gruppe und den Dingen, die deren Lebensweise ausdrcken, betrachtet werden mu als im Hinblick auf die Dinge selbst also nicht das Bild, der Roman, das Gedicht, die Oper, sondern die Beziehung zu der sozialen Gruppe, deren Leben sich in diesen Objekten widerspiegelt. Dann kommt die Kultur den historischen und sozialen Verhltnissen sehr viel nher, und ich glaube, dass an diesem Punkt die anthropologische Definition der Kultur, wie sie gelegentlich in England bezeichnet wird, einsetzen kann. Dahinter steht das Theorem der kulturellen Homologie, was bedeu-tet, dass Artefakte, Kunstwerke und Konsumobjekte den Vorstel-lungsund Handlungsmustern von Personen und Gruppen entspre-chen mssen. Damit sind aber auch allzu einfache Vorstellungen von der Manipulation der Konsumenten und Rezipienten in Frage gestellt. Konsum wird hier und diese Auffassung ist einflussreich bis heute als ein Akt der Aneignung verstanden, durch den ein Objekt adaptiert und modifiziert werden kann. 20

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Auch der Beitrag von Edward P. Thompson wird unter dem engeren Kreis der Cultural Studies-Vertreter hufig unterschtzt. Thompson war wahrscheinlich am besten fr seine historischen Arbeiten ber die britischen radikalen Bewegungen des spten 18. und frhen 19. Jahrhunderts bekannt, insbesondere fr sein Buch The Making of the English Working Class (1963, dt. 1987), das Historiker der Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt beeinflusste. Auch fr Thompson konstituierte sich Kultur in den Werten und Sinngebungen, die soziale Gruppen und Klassen in der Auseinandersetzung mit gegebenen Bedingungen entwickeln und zum Ausdruck bringen. Seine Geschichtsschreibung von unten stellte die Herausbildung der englischen Arbeiterklasse als einen dialektischen Proze dar: als Formieren der Klasse durch externe determinierende Faktoren, vor allem aber auch als einen Akt der Selbstschpfung und Identitts-bildung. Sein Konzept der moralischen konomie, das er fr das Verhalten der englischen Unterschichten im 18. Jahrhundert entworfen hat, ist

bis heute einflussreich. 21 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Es ging ihm um eine Betrachtung von gewissen Vorgngen in der Geschichte konkret um so genannte Lebensmittelunruhen , die er nicht lediglich mit Reaktionen auf elementare konomische Stimuli erklrt wissen wollte. Vielmehr verweist Thompson darauf, dass der Mensch ein komplexes soziales Wesen sei, dessen Handlungen und Reaktionsweisen eben auch Vorstellungen von Legitimitt beinhalten. Thompson versteht unter Legitimittsvorstellungen, dass die Mnner und Frauen in einem Bewusstsein handelten, traditionelle Rechte und Gebruche zu verteidigen, und dass sie sich dabei auf die breite Zustimmung des Gemeinwesens sttzen konnten. Die Jugendkulturforschung ist ein Paradebeispiel fr die Forschungen des CCCS. Die Forscher stieen zunchst auf das Problem, dass die Jugend als eine mehr oder weniger homogene Gruppe gesehen wurde, die in etwa derjenigen einer Klasse entsprach.

Auerdem wurde die Adoleszenz als eine schwierige Zeit und bergangsphase zum Erwachsenensein eingeschtzt. 22 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die Forscher des CCCS beobachteten allerdings die Heterogenitt der Jugend und den Einfluss des Klassenbewusstseins auf die Prgung des Generationenbewusstseins. So gelangten sie zu der Erkenntnis, dass von einer homogenen Generation keine Rede sein kann. War die Klasse zunchst nur eine sekundre Variable, die hauptschlich als Vermittlerin von Generationenerfahrungen relevant ist, so hat sich dann die Grundannahme durchgesetzt, dass das Genera-tionsbewusstsein fest mit einem Klassenbewusstsein verankert ist und die kulturellen Artikulationen daher unterschiedlich sind. Es wurde also nicht mehr von einer Jugendkultur, sondern nur noch von Jugend-Subkulturen gesprochen. Die Entstehung der Jugend-Subkulturen konnte dann auf die gleiche Art erklrt werden wie die Entstehung von Klassenkulturen.

Die Vertreter des CCCS gehen davon aus, dass in einer Gesellschaft mehrere Kulturen existieren, die in Herrschafts- und Unterordnungsbeziehungen zueinander stehen, dass sie quasi einen permanenten Konflikt miteinander austragen. 23 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die mchtigste der Kulturen ist die so genannte dominante, die herrschende Kultur. Als Stammkultur (auch parent culture) bezeichnet man die Klassen-kulturen, da die sozialen Klassen die wichtigsten Gruppen in moder-nen Gesellschaften bilden und diese damit die fundamentalsten kul-turellen Artikulationen liefern. In kapitalistischen Gesellschaften stellt die brgerliche Klasse die do-minante Kultur dar. Gleichzeitig kann natrlich auch die brgerliche Kultur als Stammkultur bezeichnet werden, jedoch wird in der Regel die Funktion als dominante Kultur diejenige der Stammkulturen berlagern. Die Jugend-Subkulturen sind in diesem System von Klassenkulturen Subsysteme. Es sind kleinere, strker lokalisierte und differenzierte Strukturen innerhalb der Stammkultur, aus der sie erwachsen und bilden

eigenstndige Teile derselben. Subkulturen weisen eine eigenstndige Struktur und Gestalt auf, anhand derer sie von ihrer Stammkultur zu unterscheiden sind. 24 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Sie mssen um gewisse Aktivitten und Werte, um bestimmte Formen des Gebrauchs von materiellen Artefakten, um gewisse Territorien zentriert sein, welche sie eindeutig von der umfassenderen Kultur nmlich der Stammkultur unterscheiden. Da es sich aber auch um Subsysteme handelt, verfgen sie ber signifikante Merkmale, die sie mit der Stammkultur verbinden. Wenn sich solche Subkulturen auch hinsichtlich ihres Alters von den Stammkulturen unterscheiden, dann spricht man von Jugend-Subkulturen. Jugendliche Subkulturen sind dementsprechend generationsspezifische Subsysteme klassenspezifischer Stammkulturen. Hier wurde erstens ein Schritt zur Auflsung der falschen Dichotomie entweder Generation oder Klasse getan. Zweitens liegt das besondere an der Betrachtung der Jugend-Subkulturen durch das CCCS nun darin, dass es deren doppelte Artikula-tion erkannt hat, nmlich einerseits im Verhltnis zu ihrer Stamm-kultur und andererseits in ihrer Beziehung zur dominanten

Kultur. Zwei wichtige Begriffe sind in diesem Zusammenhang Hegemonie und Ideologie. 25 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Der Begriff Hegemonie meint so viel wie Oberherrschaft. Wenn ber dominante Kultur gesprochen wird, fllt hufig auch der Begriff Hegemonialkultur, was jedoch nicht immer richtig sein muss. Nach Antonio Gramsci mit dessen Konzept die Vertreter des CCCS hier arbeiten existiert eine Hegemonie erst dann, wenn es der herrschenden Klasse gelingt, eine untergeordnete Klasse nicht nur zu zwingen, ihren Interessen zu gehorchen, sondern die totale gesellschaftliche Autoritt ber diese auszuben. Hegemonie beinhaltet die spontane Zustimmung der untergeordneten zur Herrschaft der dominanten Klasse. Hegemonie ist also, um es mit Antonio Gramsci zu sagen, die natrliche soziale Autoritt der herrschenden Klasse. Den Boden, auf dem diese Hegemonie gewonnen oder verloren

wird, bilden die gesellschaftlichen Institutionen der zivilen Gesellschaft und des Staates. Diese wiederum funktionieren zum Teil durch Ideologie, was bedeutet, dass die in diesen Apparaten institutionalisierten Definitionen der Realitt ... schlielich fr die untergeordneten Klassen eine erlebte Realitt an sich bilden. 26 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Dieses Ideologieverstndnis knpft an Karl Marx an, der argumentierte, dass jede Klasse eine ihrer gesellschaftlichen Lage und ihren Interessen entsprechende Ideologie hervorbringt. Die Ideologie ist demnach das Bewusstsein verschiedener Klassen, das nur dann auch ein falsches Bewusstsein ist, wenn es der Aufrechterhaltung von Herrschaft dient, die der Erkenntnis gesellschaftlicher Realitt widerspricht. Ein Beispiel im Sinne marxistischer Denker fr eine Ideologie der dominanten Kultur ber und fr die Arbeiterklasse wre die Wohlstandsideologie der fnfziger Jahre. Sie wurde benutzt, um die Lcken zwischen der realen Ungleichheit und der versprochenen Utopie der Gleichheit fr alle und dem stets wachsenden Konsum zu fllen und damit die hegemoniale Ordnung zu sichern. Der Zusammenhang zwischen Hegemonie und Ideologie macht deutlich, dass vorherrschende Ideologien, also vorherrschende Realittsdiskurse, immer auch die Interessen der herrschenden

gesellschaftlichen Gruppe widerspiegeln. 27 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Der Begriff Stil spielt in der Jugendkulturforschung eine besonders wichtige Rolle und es waren abermals die Vertreter des CCCS, die den bedeutendsten Beitrag zu dieser Debatte beisteuerten. Vor allem Phil Cohen, John Clarke, Dick Hebdige und Paul Willis haben sich intensiv mit Fragen der Stilanalyse auseinandergesetzt, wobei Stil zunchst immer Ausdrucksform einer Subkultur war. Dabei wurde grundstzlich festgestellt, dass Jugendliche ihre eigenen aus der alltglichen Lebenswelt erwachsenen Erfahrungen, Handlungsmuster und Orientierungsweisen haben, die in ihrem Stil zum Ausdruck kommen knnen. Phil Cohen, der sich als erster intensiv mit den subkulturellen Stilen beschftigt hatte, definierte die Subkultur als eine Kompromisslsung zwischen zwei gegenstzlichen Bedrfnissen: dem Bedrfnis, Unabhngigkeit und Verschiedenheit von der Elternkultur auszudrcken, und dem Bedrfnis, die elterliche Identifikation zu bewahren. Fr ihn hatte Subkultur die latente Funktion, diejenigen Widersprche auszudrcken und wenn auch magisch zu lsen, die verborgen oder ungelst in der Elternkultur verblieben sind.

Fr John Clarke wurden die subkulturellen Stilformen in der Freizeit am sichtbarsten, wobei es sich auch bei den Freizeitaktivitten um Formen des Ausdrucks von Erfahrungen der ganzen Klasse handelt. 28 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Um den Prozess der Stilschpfung beschreiben zu knnen, wurde auf den franzsischen Anthropologen Claude Lvi-Strauss und seinen Begriff der Bricolage zurckgegriffen. Bricolage oder Bastelei meint die Neuordnung und Rekontextualisierung von Objekten, um neue Bedeutungen zu kommunizieren, und zwar innerhalb eines Gesamtsystems von Bedeutungen, das bereits andere, den gebrauchten Objekten anhaftende Bedeutungen enthlt. Objekt und Bedeutung bilden zusammen ein Zeichen, und in jeder Kultur werden solche Zeichen immer wieder zu charakteristischen Diskursformen gruppiert. Wenn aber der bricoleur das signifikante Objekt innerhalb dieses Diskurses in eine andere Position versetzt, und zwar unter Verwendung des gleichen Gesamtrepertoires an Zeichen, oder wenn das Objekt in eine andere Gesamtheit von Zeichen versetzt wird, dann entsteht ein neuer Diskurs, und eine andere Botschaft wird vermittelt.

Der subkulturelle bricoleur muss sich auf eine grundlegende Diskursform beziehen, wenn er eine Botschaft kommunizieren will das ist der Diskurs der Mode. 29 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Wie Lvi-Strauss Mythenbastler ist auch der Subkulturbricoleur den vorhandenen Bedeutungen der Zeichen innerhalb eines Diskurses unterworfen. Das heit, die Objekte, aus denen ein neuer subkultureller Stil zusammengesetzt wird, mssen nicht nur bereits existieren, sondern sie mssen auch allseits bekannte Bedeutungen enthalten, damit die Transformation, die sie im neuen Kontext erfahren, erkennbar ist. Die Elemente dieses subkulturellen Stils sind in der Regel Waren, die fr spezifische Mrkte produziert wurden. Die Waren mssen fr jene Leute aber auch erreichbar sein, die sie transformieren wollen, daher bleibt ihre Verwendung immer auch in einem gewissen Klassenverhltnis. Die Schaffung von Objekten und Bedeutungen entsteht also nicht aus dem Nichts, sondern es handelt sich vielmehr um die Transformation von Gegebenem in ein Muster, das eine neue Bedeutung vermittelt. Die Elemente des Stils, das kann von der Krpersprache bis zur Kleidung reichen, sind nicht zufllig, sondern sie sind den Werten

der stilbildenden Gruppe homolog. 30 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die Elemente des Stils sind so nichts anderes als das nach auen verlagerte Selbstbild der Gruppenmitglieder. Um gewisse symbolische Objekte zu bernehmen, muss eine Gruppe sich in den mehr oder minder verdrngten potentiellen Bedeutungen dieser Objekte wiedererkennen. Die Gruppe muss auch ber ein gewisses Selbstbewusstsein verfgen, um einen Stil schaffen zu knnen. Aber die Gruppenidentitt, die auch im Stil ihren Ausdruck findet, entsteht nicht nur durch gruppeninterne Prozesse, sondern auch durch die Auseinandersetzung mit anderen Gruppen. Hufig wird diese Abgrenzung nur gegenber anderen Jugendsubkulturen gesehen, aber sie reicht weit darber hinaus. Die Beziehungen der Subkultur zu verschiedenen Auengruppen manifestiert sich nicht primr in den symbolischen Aspekten des Stils (Kleidung, Musik usw.), sondern zeigt sich in der ganzen Skala von Aktivitten, Kontexten und Objekten, die zusammen das StilEnsemble bilden. 31

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die Elemente des Stils sind so nichts anderes als das nach auen verlagerte Selbstbild der Gruppenmitglieder. Um gewisse symbolische Objekte zu bernehmen, muss eine Gruppe sich in den mehr oder minder verdrngten potentiellen Bedeutungen dieser Objekte wiedererkennen. Die Gruppe muss auch ber ein gewisses Selbstbewusstsein verfgen, um einen Stil schaffen zu knnen. Aber die Gruppenidentitt, die auch im Stil ihren Ausdruck findet, entsteht nicht nur durch gruppeninterne Prozesse, sondern auch durch die Auseinandersetzung mit anderen Gruppen. hnlich wie Cohen und Clarke betont auch Dick Hebdige in seinem zum Klassiker gewordenen Buch Subculture. The Meaning of Style den widerstndigen Charakter subkultureller Stile. Er versteht Stil als eine Form der Verweigerung, als eine Dialektik zwischen Aktion und Reaktion, die manche Objekte bedeutungsvoll werden lsst. 32

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Durch ein einziges Objekt, so Hebdige, knnen sich die Spannungen zwischen herrschenden und untergeordneten Gruppen in den aus banalen Objekten mit doppelten Bedeutungen gemachten Stilen spiegeln. Hebdige geht es dabei um Prozesse, durch die Objekte bedeutsam werden und in einem subkulturellen Stil zum Ausdruck gelangen. Dieser Prozess beginnt fr Hebdige mit einem Verbrechen gegen die Ordnung, auch wenn diese Abweichung gering ist. Und der Prozess endet mit der Konstruktion eines Stils, der Verweigerung signalisiert. Diese Verweigerung hat gute Grnde und daher haben der Stil und die Formen seines Ausdrucks einen gewissen subversiven Charakter. Ein Beispiel bei Hebdige sind die sog. Teddy Boys oder Teds, sie rekrutierten sich aus der Schicht der ungelernten Arbeiter. Als Zeichen ihrer Ablehnung des trben Alltags von Schule, Job und Familie legten sie sich einen bertriebenen Stil zu, der zwei unverfroren geplnderte Formen gegeneinander stellte: schwarzen Rhythm & Blues und aristokratische Anleihen in der Kleidung.

33 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Ausgangspunkt der Bewegung war ein kommerzielles Modeangebot der Schneider aus der eleganten Savile Row, die auf den Gedanken gekommen waren, um den Absatz zu heben, fr den Mann auf der Strae den Edwardian Style verfgbar zu machen. Knig Edward war ein Modefan und Dandy und ein bisschen das schwarze Schaf des Knigshauses, wodurch er den Jugendlichen ein Rollenmodell als Provokateur war. Durch die Verwendung seines Anzugsstils schafften sie eine ironische Identifikation. Mittels Mode bewegten sie sich aus ihrer eigenen Klasse heraus und schufen einen stdtisch-romantischen Jugendstil. Sie trugen lange taillierte Jacken mit Weste, dazu enge Hosen, Schuhe mit breiten Bndern und weie Hemden mit weitem Kragen sowie eine Windsorknotenkrawatte.

Die Teds bertrieben dabei die Edwardsche Vorgabe noch, whlten farbige Schnrsenkel sowie Schlipse, und sie liebten grellfarbige Wildlederschuhe. 34 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die Frisuren dagegen blieben hufig proletarisch-pomade-glnzende Haare. Indem sie sich eine historische Mode aneigneten, bekannten sie sich nicht nur zu ihrem Auenseitertum, sondern sie verspotteten gleichzeitig die gute Gesellschaft, der sie nicht zugehren konnten und wollten. Die Revolte lag sozusagen nicht in politischem Handeln, sondern in der verwirrenden Zitation von Modestilen, die einer anderen, der aristokratischen Klasse zugehrten. Die Teds zitieren diesen Stil nicht, um eine Klassenzugehrigkeit zu signalisieren, die ihnen nicht zusteht, sondern um die ererbten Zeichen der Kleiderordnung endgltig zu entmachten.

Einen anderen Subkulturstil kreierten die Mods, sie waren in ihrer Erscheinung subtiler und zahmer: sie trugen offensichtlich konservative Anzge in respektablen Farben und waren geradezu pedantisch sauber und ordentlich. Mit ihrem Stil konnten sie geschickt zwischen Schule, Arbeit und Freizeit lavieren der Stil verbarg mehr, als er zeigte. 35 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Sie trieben Ordentlichkeit und Sauberkeit bis zur Absurditt und untergruben so die konventionelle Bedeutung von Anzug, Hemd und Kragen. Die Mods waren fester in Jobs eingespannt, die strenge Anforderungen an Erscheinung, Pnktlichkeit etc. hatten, weshalb sie ihre Freizeitaktivitten auf das Wochenende verlagerten. Diese Zeiten versuchten sie dann mit Amphetaminen auszudehnen. Ein dritter bedeutender Stil, der in den Blick der Subkulturforscher geriet, war schlielich der Punk.

1976 wurde in der Nhe der Kings Road in Londons Sdwesten ein Stil geboren, der zusammengewrfelte Elemente aus einer ganzen Reihe heterogener Jugendstile miteinander kombinierte (in Bezug auf Kleidung, Musik etc.). Das ganze bunte Durcheinander mit Sicherheitsnadeln buchstblich zusammengehalten wurde zu jenem gefeierten und auch beraus fotogenen Phnomen, das als Punk ab 1977 die Medien und damit die breitere ffentlichkeit eroberte. 36 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Punk reproduzierte smtliche Kleidungsstile der Nachkriegsjugendsubkulturen und kombinierte die verschiedenen Elemente zu einer zerschnipselten Collage. Auch der Punk hatte wie der Rhythm & Blues der Teds schwarze Vorbilder, nmlich den Reggae. Reggae war als Musik der schwarzen Bevlkerung ein Fremdkrper in der Hauptstrmung der britischen Kultur, die ihn als

eine Art Bedrohung empfand. Damit befand sich der Reggae im Einklang mit den vom Punk aufgestellten Werten: Anarchie, Kapitulation und Untergang. Der Punk produzierte quasi zu den Krisen des modernen Lebens (Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise etc.) die entsprechenden Gegenstnde und ikonenhafte Bilder (Sicherheitsnadeln, zerrissene Klamotten etc.) Dies kann gelesen werden als Zustand vlliger Isolierung und Entfremdung, als ein freiwilliges Exil, das den hoffnungslosen Zustand der weien britischen Jugend ausdrcken sollte. 37 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die Verbreitung subkultureller Stile durch Medien und Modeindustrien beinhaltet auch bereits ihre Auflsung. Clarke konstatiert eine Ausbeutung subkultureller Stilformen durch die dominante Kultur. Als positives Resultat dieser Ausbeutung sieht er massive kommerzielle Investitionen im Sektor der Jugendmoden. Als negative Auswirkung nennt er die Verwendung von Stil-Charakterisierungen als bequeme Stereotypen, um Gruppen, die als antisozial gelten, zu identifizieren und zu isolieren. Rolf Lindner meinte, da auch ein subkultureller Stil den Weg alles

Irdischen innerhalb der auf Neuerungen angewiesenen Konsumund Kulturindustrie geht und schlielich als Modevariante, ein wenig geglttet, in den Regalen der Shopping Centres endet. Darin unter anderem liegen fr Clarke auch die Grenzen des Stils, wenn er darauf hinweist, dass die Klassenwidersprche der Jugendsubkultur auch im Stil nicht gelst werden knnen, weil dieser in der Freizeit entworfen wird und nicht dort, wo die Widersprche entstehen. 38 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Paul Willis: Learning to labour. How Working Class Kids get Working Class Jobs. Aldershot 1977. Dieses Buch behandelt die Ergebnisse eines Projekts, das zwischen 1972 und 1975 durchgefhrt wurde und das den bergang von Jungen aus der Arbeiterklasse ohne hhere Schulbildung ins Arbeitsleben untersuchte. Methodisch arbeitete Willis mit Fallstudien, Interviews, Gruppendiskussionen und teilnehmender Beobachtung bei Arbeiterjungen whrend der letzten beiden Schuljahre und den ersten Arbeitsmonaten. Der erste Teil des Buches ist eine Ethnographie der Schule, besonders der oppositionellen Arbeiterkultur in dieser. Der zweite Teil analysiert die innere Bedeutung, Rationalitt und Dynamik der vorher geschilderten kulturellen Prozesse und erklrt, wie sie einerseits zur Arbeiterkultur im allgemeinen und andererseits

eher unerwartet zur Erhaltung und Reproduktion der Gesellschaftsordnung beitragen. 39 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Wichtig ist Willis Verstndnis des Kulturellen, das er als ein Produkt einer kollektiven menschlichen Praxis ansieht Sein Untersuchungsort ist eine archetypische englische Industriestadt und er untersuchte eine Hauptgruppe mit 12 Jugendlichen und verschiedenen Vergleichsgruppen. Die von ihm erforschten Jugendlichen sind die so genannten lads, die in der Schule eine Gegen-Kultur bilden. Die wichtigste und expliziteste Dimension dieser Gegen-SchulKultur ist die tief verwurzelte Opposition gegen die Autoritt. Diese Opposition kommt als Stil zum Ausdruck, es handelt sich beinahe um ein tgliches Ritual. Nicht alle Schler gehren dieser Gegen-Kultur an. Die Lads sehen sich selbst als die Nonkonformisten, die sich von den Konformisten unterscheiden, die sie als earoles (Ohrlcher) oder lobes (Lappen) bezeichnen.

Konkret wird ihre Opposition in stilistisch-symbolischen Diskursen, die sich neben allgemeinen Widerstandspraktiken vor allem um drei Konsumgter drehen: Kleidung, Zigaretten und Alkohol. 40 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Fr die lads gibt es den Gegensatz von Formellem (die Schule mit ihrer Struktur) und Informellem (die Gruppe mit ihrer eigen Struktur). Die lads wollen die Regeln der Schule symbolisch und physisch brechen, sie konstruieren dafr einen eigenen Tagesablauf mit eigenen Ttigkeiten. Whrend die Lehrer und die anderen Schler der Auffassung sind, die lads wrden ihre Zeit verschwenden, gibt es fr die lads kein hheres Gut, als die Zeit miteinander zu verbringen. Das Lachen ist ein wesentlicher Aspekt fr die lads, es ist das bevorzugte Instrument der informellen Gruppenstruktur, sowie der Befehl das bevorzugte Instrument der formellen Struktur der Schule ist. Obwohl sie eine Gegenposition zur Schule einnehmen, ist den lads offensichtliche Dummheit zuwider. Das Anpbeln ist dabei eine besondere Spielart zu testen, ob jemand clever ist. Die Seele ihres Humors, so Willis, ist die Verchtlichmachung: das dauernde Aufspren von Schwchen. Es braucht Geschicklichkeit und

kulturelles Knowhow, um solche Attacken zu fhren, und noch mehr, um ihnen zu widerstehen. 41 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Auch die Gewalt spielt eine wesentliche Rolle, viele wichtige Werte finden in der Schlgerei ihren Ausdruck. In der Freizeit sind Kleidung, Musik und krperliches Gebaren von besonderer Bedeutung. Ein lad geht abends aus und entwickelt ein soziales Verstndnis nicht nur fr die Schule, sondern auch fr die Nachbarschaft, die Straen und die Stadt im allgemeinen. Geld spielt dabei eine wichtige Rolle, weil es die Voraussetzung fr Konsum ist. Die einzige von den lads anerkannte Quelle der Weltklugheit ist die Arbeitswelt der Arbeiterklasse. Zwei Gruppen, gegen die sich die lads ebenfalls definieren, sind Mdchen und ethnische Minderheiten. Eine wesentliche Erkenntnis, die Willis in seiner Untersuchung

herausfand liegt in der strukturellen hnlichkeit, die die GegenSchulkultur mit der Betriebskultur aufweist. In den Betrieben wrden die Arbeiter sich eine an sich entfremdete Situation aneignen mit einem Streifen Interesse und Abwechslung durchweben hnliches versuchen die lads in der Schule. 42 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Willis beschreibt wie auch andere Arbeiterkulturforscher , dass die Arbeiter versuchen informelle Kontrolle ber den Arbeitsprozess zu erlangen. Wie die Gegen-Schulkultur ist die Betriebskultur jene Zone, wo Strategien ersonnen und verbreitet werden, um der offiziellen Autoritt die Kontrolle ber symbolische und reale Freirume abzutrotzen. Diese informelle Organisation unterscheidet nach Willis diese Betriebskultur von Arbeiterkulturen der Mittelschicht. Die Ablehnung der Schularbeit durch die lads und ihr jederzeit vorhandenes Gefhl, was Besseres zu tun zu haben, findet eine Parallele in der im Betrieb und in der Arbeiterschaft allgemein vertretenen berzeugung, dass die Praxis wichtiger sei als die Theorie.

Einerseits erkennen die Arbeiter damit zwar, dass Theorie nur dann ntzlich ist, wenn sie hilft praktische Aufgaben zu lsen. Andererseits verkennen sie allerdings, dass Theorie auch unabhngig davon nmlich in ihrer gesellschaftlichen Erscheinung als Qualifikation ein Machtmittel zum Aufstieg auf der sozialen Stufenleiter ist. 43 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Willis will an seinem Beispiel die Vermittlung von Klassenkonflikten und die Reproduktion der Klassen in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zeigen. Sein Beispiel fhre sogar die unbeabsichtigte Konsequenz vor Augen, wie Klassenkultur und Struktur der Gesellschaft sich selbst reproduzieren. Fr das System Schule hat das massive Auswirkungen, weil der Lehrer seine Autoritt nicht mit Zwang durchsetzen kann, sondern nur aus moralischen Grnden. Dafr ist er aber auf die Zustimmung der Schler angewiesen. Die untersuchten Arbeiterjungen, die sich den dominanten Werten,

dass Wissen gegen Leistung getauscht wird, verweigern und sich somit von der Schulautoritt differenzieren, haben hinter sich den kulturellen Anspruch der Arbeiterkultur. Eine gewisse Zeit ihres Lebens, so Willis, glaubten die lads, in einem Turm zu hausen, in den Kummer nicht eindringen kann. Diese Zeit des unzerstrbaren Vertrauens entspricht gerade der Zeit, wo alle wichtigen Entscheidungen ihres Lebens zu ihrem Nachteil gefallen sind und dies ist einer der Hauptwidersprche der Arbeiterkultur und ihrer sozialen Reproduktion. 44 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Fr die Lehrer ist es ebenfalls eine schwierige Situation, denn fr sie ist das anerkannte Erziehungsparadigma so selbstverstndlich, dass sie sein Scheitern nicht verstehen knnen. Daher entwickeln sie eine sarkastische, herablassende Haltung, die auch als eine Klassen-Beleidigung verstanden werden kann. So entsteht die Situation, dass die lads das Unterrichtsparadigma als

Zwang empfinden und dagegen rebellieren, die Lehrer wiederum diese Rebellion als Bosheit empfinden, gegen die sie sich ihrerseits mit Krnkungen wehren. Das Verhalten der lads in der Schule hat ein quivalent in den Betrieben, denn die Vter erzhlen ihren Kindern davon, dass sie dort ebenfalls Bldsinn machen. Arbeit wird nach Willis hier auch gar nicht als Sinnerfllung gesehen, sie dient eher als Voraussetzung zur Befriedigung gewisser Gruppenbedrfnisse. 45 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur So steht die physische Arbeit fr Maskulinitt und Opposition gegen die Autoritt zumindest wie diese in der Schule erfahren wird. Sie drckt Aggressivitt aus; ferner ein gewisses Ma an Scharfsinn und Schlue; eine Unehrerbietigkeit, die in Worten nicht auszudrcken ist; eine sprbare Solidaritt. Sie bietet das ntige Kleingeld zur Befriedigung von Erwachsenen-Bedrfnissen und demonstriert potentielle Herrschaft ber Frauen, wie auch eine unmittelbare Anziehung auf diese: eine Art Machismo. Diese Arbeiterkultur, aus der die lads also ihre kulturellen Wurzeln ziehen und die ihnen in dieser Phase des bergangs von der Schule ins Erwerbsleben Kraft und Handlungsanleitung gibt, ist nach Willis nicht durch berhhung und berlegenheit gekennzeichnet, sondern eher durch Kompromiss und Selbstbescheidung. Sie ist ein kreativer Versuch, aus schweren Bedingungen das Beste zu machen.

Eine gewisse Zeit ihres Lebens, so Willis, glaubten die lads, in einem Turm zu hausen, in den Kummer nicht eindringen kann. Diese Zeit des unzerstrbaren Vertrauens entspricht gerade der Zeit, wo alle wichtigen Entscheidungen ihres Lebens zu ihrem Nachteil gefallen sind und dies ist einer der Hauptwidersprche der Arbeiterkultur und ihrer sozialen Reproduktion. 46 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die Cultural Studies Birminghamer Prgung, aber auch in der Nachfolge des CCCS haben die Kulturwissenschaften massiv beeinflusst und gemeinsam mit Erkenntnissen aus verschiedenen anderen Richtungen den Blick fr folgende Aspekte geschrft: Cultural Studies geht es unter anderem darum, darauf hat Lawrence Grossberg aufmerksam gemacht, Kultur als ein Feld zu betrachten, in dem Macht produziert und um sie gerungen wird. Dabei wird Macht nicht unbedingt als Form der Vorherrschaft verstanden, sondern als eine ungleiche Beziehung von Krften im Interesse bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Das Projekt Cultural Studies ist also auch politisch motiviert. Es hat sich der Produktion von Wissen verschrieben, welches helfen soll zu

verstehen, dass man die Welt verndern kann und wie man sie verndern kann. Stuart Hall hat einmal bemerkt, das wesentlichste Problem fr die Intellektuellen wie fr die Universitten sei, zu verstehen, was das Leben, das wir leben, und die Gesellschaft, in der wir leben, zutiefst unmenschlich macht. 47 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Ein weiterer wesentlicher Punkt der Erkenntnis liegt in der berwindung der Kulturindustriethese, die verkrzt dargestellt einer Manipulation der Konsumenten und Rezipienten das Wort redet. Passive Konsumenten sind demgem einer unaufhrlichen Flut seriell hergestellter Unterhaltungsprodukte ausgeliefert. Demgegenber ha-ben die Cultural Studies den eigensinnigen, widerstndigen und kre-ativen Umgang mit den populren Medien und Konsumgtern ge-zeigt. Bei den Cultural Studies ist die Popularkultur offenes Terrain, auf dem kulturell-ideologische Kmpfe ausgetragen werden, deren Ergebnis nicht von vornherein feststeht. Es ist gerade die Spannung, das Ringen zwischen Autonomie und Vereinnahmung, Authentizitt und Korrumpierung, Widerstand und Anpassung, das an diesen Prozessen fasziniert. Das Verstndnis der Cultural Studies legt dementsprechend auch Wert auf die Praxis der Menschen. Zwar wird der Einfluss von kulturellen Mustern auf menschliches Handeln nicht geleugnet, aber

gleichzeitig wird der Handlungsaspekt der Menschen betont und somit auch die aktive Mitgestaltung an der Strukturierung von Kultur. 48 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Schade ist, dass die Arbeiten des CCCS in der deutschsprachigen Forschung groteils ziemlich verkrzt und einseitig rezipiert wurden. Es wurde nur auf den Klassenaspekt abgehoben und damit eine Vergleichbarkeit mit deutschen oder mitteleuropischen Verhltnissen bestritten. Diese Sichtweise verkrzt aber die grundstzlichen Erkenntnisse des CCCS, die ber den spezifischen geographischen und sozialen Kontext Grobritanniens hinausweisen. Eine gewisse Schwche der Jugendkulturforschung des CCCS liegt sicherlich in seiner Fokussierung auf mnnliche und auffllige Jugendkulturen. 49 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur

Nach den Cultural Studies soll als nchstes ein semiotischer Kulturbegriff diskutiert werden. Die Definition von Kultur ist ein schwieriges Unterfangen, weil es nahezu unendlich viele Definitionen von Kultur gibt. 1952 etwa haben Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn in ihrem Buch Culture 175 verschiedene Definitionen von Kultur aufgezhlt. Nicht alle Definitionen unterscheiden sich allerdings vollstndig. Erstens gab es so etwas wie eine totalistische Betrachtungsweise, die auf den berhmten Kulturbegriff von E. P. Tylor aus dem Jahr 1871 zurckgeht. Nach Tylor ist Kultur jenes komplexe Ganze, welches Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Recht, Sitte und Brauch und alle anderen Fhigkeiten und Gewohnheiten einschliet, welche der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erworben hat. Diese umfassende Definition hat wiederum zwei Probleme, dass nmlich erstens alles Kultur ist und zweitens der Verweis auf das, was der Mensch erworben hat, zu wenig auf den aktiven und gestalterischen Anteil des Menschen eingeht. 50 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur

Zweitens gab es in diesen frhen Definitionen so etwas wie eine mentalistische Betrachtungsweise, nach der Kultur ein ideenbildendes oder gedankliches System ist, also ein System von gemeinsamen Wissensinhalten und Glaubensvorstellungen, mit Hilfe derer Menschen ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen ordnen und Entscheidungen treffen und in deren Sinne sie handeln. Sie ist also ein System von sozial verteilten Ideen, eine Art von gedanklichem Code, dessen sich die Menschen bedienen, um sich selbst und die Welt zu interpretieren und ihre Handlungen auszudrcken. Kultur ist also eher ein System von Regeln oder ein Muster fr das Verhalten als ein wahrgenommenes Muster des Verhaltens. Auch hier bleiben zwei Probleme nmlich die Frage nach der Vernderbarkeit der Regeln oder des Codes und die Frage nach der jeweiligen Praxis, ob nmlich und in welcher Form sich diese Codes und Regeln im Verhalten wirklich niederschlagen.

51 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Um dem Dilemma der Definitionen zu entkommen, hat Helge Gerndt etwa gemeint, es sei nicht notwendig Kultur zu definieren, weil Kultur der Kulturwissenschaft ebenso wenig ein scharf ausgegrenzter analytischer Begriff sein kann wie den Psychologen die Psyche oder den Biologen Leben. Immer handle es sich um lockere Umschreibungen fr Arbeitsfelder, um allgemeine Verstndnisbegriffe. Einer der erfolgreichsten Versuche, Kultur zu fassen, stammt von dem amerikanischen Kulturanthropologen Clifford Geertz. Geertz bezieht sich auf einen semiotischen Kulturbegriff. Der Kulturbegriff, den ich vertrete, ist wesentlich ein semiotischer. Ich meine mit Max Weber, dass der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht. Um eine Wissenschaft zu verstehen, so Geertz, msse man sich ansehen, was diese Wissenschaftler tun. 52

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur In der Kulturanthropologie arbeiten die Praktiker ethnografisch und nach der Darstellung in den Lehrbchern bedeutet ethnografisch zu arbeiten folgendes: die Herstellung einer Beziehung zu den Untersuchten, die Auswahl von Informanten, die Transkription von Texten, die Niederschrift von Genealogien, das Kartographieren von Feldern, das Fhren eines Tagebuchs und so fort. Aber nicht diese Techniken und Verfahrensweisen, die diese Forschungsarbeit bestimmen, sind entscheidend, sondern es sei die besondere geistige Anstrengung, die hinter allem steht, das komplizierte intellektuelle Wagnis der dichten Beschreibung. Dichte Beschreibung ist jener Begriff, der heute mit Geertz assoziiert wird, obwohl er ihn von dem britischen Philosophen Gilbert Ryle (1900-1976) entliehen hat. Ryle bringt ein gutes Beispiel dichter Beschreibung: das Zwinkern. Stellen wir uns zwei Knaben vor, die blitzschnell das Lid des rechten Auges bewegen. Beim einen ist es ein ungewolltes Zucken, beim anderen ein heimliches Zeichen an seinen Freund. Als Bewegungen sind die beiden Bewegungen identisch. 53 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Es besteht jedoch ein gewichtiger Unterschied zwischen Zucken und Zwinkern. Das wei jeder, der irrtmlicher Weise etwa ein Zucken fr ein Zwinkern hlt. Wenn also jemand zwinkert und nicht zuckt, dann teilt er etwas auf

ganz przise und besondere Weise mit 1. richtet er sich absichtlich 2. an jemand Bestimmten, um 3. eine bestimmte Botschaft zu bermitteln, und zwar 4. nach einem gesellschaftlich festgelegten Code, ohne dass 5. die brigen Anwesenden eingeweiht sind. Es ist nun nicht so, dass der Zwinkerer zwei Dinge tut nmlich sein Augenlid bewegt und zwinkert, whrend der Zuckende nur sein Augenlid bewegt. Erst durch den ffentlichen Code, demzufolge das absichtliche Bewegen des Augenlids als geheimes Zeichen gilt, wird das Zucken zum Zwinkern. Wie resmiert Geertz: Das ist alles, was es dazu zu sagen gibt: ein bisschen Verhalten, ein wenig Kultur und voil eine Gebrde. 54 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Geertz und Ryle fhren das Beispiel weiter und zeigen, dass man dabei auch nachahmen, parodieren oder proben kann. Und wenn der erste Knabe gar nicht gezwinkert htte, wrden sich alle nachfolgenden Aspekte ebenfalls verschieben. Wichtig ist nun, so Geertz, dass zwischen einer dnnen

Beschreibung dessen, was diese Knaben tun (nmlich schnell das Augenlid bewegen) und einer dichten Beschreibung dieser Ttigkeit (z.B. so tun, als ob man zwinkerte, um jemanden Glauben zu machen, es sei eine geheime Verabredung in Gang) der Gegenstand der Ethnographie angesiedelt ist: eine geschichtete Hierarchie bedeutungsvoller Strukturen, in deren Rahmen Zucken, Zwinkern, Scheinzwinkern, Parodien und geprobte Parodien produziert, verstanden und interpretiert werden. Wie wir am Beispiel des Zwinkerns deutlich erkennen konnten, ist die volkskundliche und ethnologische Forschung keine Sache der Beobachtung (so wichtig die Beobachtung als Methode sein mag), sondern eine der Interpretation. 55 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Eine Wissenschaft wie die Volkskunde oder die Ethnologie versucht, das Beobachtete zu analysieren. Nach Geertz geht es bei der Ana-lyse um das Herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen und das Bestimmen der gesellschaftlichen Grundlagen und Tragweite dieser Bedeutungsstrukturen. Fr ihn ist die Ethnographie dichte Beschreibung und der Ethno-graph oder die Ethnographin hat mit einer Vielfalt komplexer, oft bereinander

gelagerter oder ineinander verwobener Vorstellungs-strukturen zu tun. Diese sind fremdartig, ungeordnet, verborgen und sie mssen zu fassen versucht werden. Ethnographie betreiben gleicht also dem Versuch, ein Manuskript zu lesen, das fremdartig, verblasst, unvollstndig, voll von Widerspr-chen, fragwrdigen Verbesserungen und tendenzisen Kommenta-ren ist, aber nicht in konventionellen Lautzeichen, sondern in ver-gnglichen Beispielen geformten Verhaltens geschrieben ist. Geertz wendet sich gegen verschiedene ethnologische Ausrichtungen, vor allem aber gegen die kognitive Anthropologie, derzufolge Kultur sich aus psychologischen Strukturen zusammen setzt, mit deren Hilfe einzelne Menschen oder Gruppen von Menschen ihr Verhalten lenken. 56 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Will man auf diese Weise Kultur beschreiben, so braucht man nur ein System von Regeln aufzustellen, denen ein Mensch gehorchen muss,

um als Eingeborener zu gelten Aber, das ist das Entscheidende, die Regeln sind nicht die Kultur. Kultur ist ffentlich, weil Bedeutung etwas ffentliches ist. Man kann nicht zwinkern, ohne zu wissen, was man unter Zwinkern versteht, aber das Wissen ber das Zwinkern ist nicht das Zwinkern selbst. Wenn wir also sagen, Kultur besteht aus sozial festgelegten Bedeutungsstrukturen, in deren Rahmen Menschen sich zuzwinkern, um damit etwas zu signalisieren, so folgt daraus nicht, dass es sich dabei um ein psychologisches oder mentales Phnomen handelt. Was uns behindert andere (oder auch die eigene) Kultur zu verstehen, ist nicht die Unkenntnis darber, wie Erkennen vor sich geht, sondern der Mangel an Vertrautheit mit der Vorstellungswelt, innerhalb derer die Handlungen von Menschen Zeichen sind. Mit Ludwig Wittgenstein argumentiert Geertz, das Problem beim Verstndnis anderer Menschen liege nicht an fehlender Sprachkenntnis, sondern daran, dass wir uns nicht in sie finden knnen. 57 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Genau das sei das schwierige oder sogar entmutigende Unterfangen der Ethnologie. Und in dem Versuch festzuhalten, auf

welcher Grundlage wir uns in sie gefunden zu haben meinen, besteht die ethnologische Schriftstellerei als wissenschaftliches Projekt. Wenn wir kulturelle Phnomene untersuchen, wollen wir mit den Untersuchten nicht gleich werden und wir wollen sie auch nicht nachahmen. Wir wollen mit Ihnen ins Gesprch kommen, uns mit ihnen austauschen, und zwar in jenem weiteren Sinn des Wortes, der mehr als nur Reden meint. So betrachtet ist ein Ziel neben anderen Zielen der Ethnologie die Erweiterung des Diskursuniversums. Dafr eignet sich ein semiotischer Kulturbegriff besonders. Als ineinandergreifende Systeme analysierbarer Zeichen ist Kultur ein Kontext, ein Rahmen, in dem sie verstndlich beschreibbar ist. Das Verstehen der Kultur eines Volkes (einer Gruppe, eines Milieus) fhrt dazu, seine Normalitt zu enthllen, ohne dass seine Besonderheit dabei zu kurz kme. 58 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die Schwierigkeit aber, die Perspektive Handelnder einzunehmen oder einen Verstehens-Ansatz oder eine emische Analyse zu betreiben, liegt in der ethnologischen Interpretation. Ethnologische Schriften sind immer Interpretationen und obendrein solcher zweiter und dritter Ordnung. (Nur ein Eingeborener liefert Informationen erster Ordnung es ist seine Kultur). Ethnologische Schriften sind Fiktionen, und zwar in dem Sinn, dass sie etwas Gemachtes sind, etwas Hergestelltes, nicht in dem Sinne,

dass sie falsch wren oder nicht den Tatsachen entsprchen. Kultur gibt es sozusagen in der Welt, Ethnologie nur in den Reprsentationen. Die Fhigkeit des Ethnologen liegt nun darin, ob er um auf das Ausgangsbeispiel zurckzukommen Zwinkern von Zucken und wirkliches Zwinkern von parodiertem Zwinkern unterscheiden kann. Nicht Kohrenz ist der Gltigkeitsbeweis fr die Beschreibung einer Kultur, obwohl kulturelle Systeme ein Mindestma an Kohrenz bentigen. Die Gltigkeit von Interpretationen liegt nicht in ihrer zusammengefgten Stringenz. Eine gute ethnologische Interpretation versetzt uns mitten hinein in das, was interpretiert wird. 59 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Es gibt nach Geertz vier Merkmale ethnographischer Beschreibung: 1. sie ist deutend 2. was sie deutet, ist der Ablauf des sozialen Diskurses 3. das Deuten besteht darin, das Gesagte eines solchen Diskurses dem vergnglichen Augenblick zu entreien 4. sie sind mikroskopisch. Das soll nun nicht heien, da es keine gro angelegten ethnologischen Interpretationen ganzer Gesellschaften, Zivilisationen, Weltereignisse usw. geben knne. Wir nhern uns umfassenden Interpretationen allerdings von der intensiven Bekanntschaft mit uerst kleinen Sachen. Der Angelpunkt des semiotischen Ansatzes liegt, wie bereits

gesagt, darin, da er uns einen Zugang zur Gedankenwelt der von uns untersuchten Subjekte erschliet, so da wir in einem weiteren Sinn des Wortes ein Gesprch mit ihnen fhren knnen. 60 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur Die Spannung zwischen dieser Notwendigkeit, ein fremdes Universum symbolischen Handelns zu durchdringen, und den Erfordernissen eines technischen Fortschritts in der Kulturtheorie, zwischen der Notwendigkeit zu verstehen und der Notwendigkeit zu analysieren, ist demzufolge notgedrungen gro und unaufhebbar zugleich. Wichtige theoretische Beitrge finden sich daher immer in konkreten Untersuchungen, weshalb eine reine Kulturtheorie nur sehr scher zu erbringen ist. Es wird also unterschieden zwischen dem Festhalten der Bedeutung, die bestimmte soziale Handlungen fr die Akteure besitzen, und der mglichst expliziten Aussage darber, was das so erwor-bene Wissen ber die Gesellschaft, in der man es vorfand, und dar-ber hinaus ber das soziale Leben im allgemeinen mitteilt. Die Theorie der Ethnographie soll ein Vokabular bereit stellen, um das Wissen ber die Rolle der Kultur im menschlichen Leben auszudrcken. Fr Geertz ist die Untersuchung von Kultur ihrem Wesen nach unvollstndig. Und je tiefer sie geht, desto unvollstndiger wird sie. 61 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kultur

Verschiedentlich wurde Kritik an Geertz gebt, weil seine Dichte Beschreibung definitorische Unsicherheiten aufweise, ja sogar auf theoretische Konzepte verzichte, weil sie in philosophischhermeneutischer Tradition zu stark auf das Einfhlen-Knnen setze. Diese Auffassung ist so nicht zu teilen, denn immerhin ist die philosophisch-hermeneutische Tradition kein theoriefreies Gedankengebude und zudem ein wichtiger Strang qualitativer Sozialforschung. Dennoch kann zumindest angemerkt werden, dass die Betrachtung der politischen und konomischen Verhltnisse bei Geertz etwas unterbelichtet bleibt und eher implizit als explizit zum Ausdruck gelangt. Zudem scheint er in klassischer ethnologischer Tradition manchmal untergrndig noch von homogenen kulturellen Einheiten auszugehen. 62 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Nach der bisherigen Diskussion des Kulturbegriffs soll nunmehr die Kulturanalyse

als eine spezifische Form volkskundlichkulturwissenschaftlicher Forschung thematisiert werden. Fr eine Kulturanalyse fordert Rolf Lindner keine Eingrenzung in ein enges disziplinres Korsett, sondern fordert ein Unternehmen, das sich, um der Sache willen, um disziplinre Grenzen nicht schert. Kulturelle Phnomene nicht fr sich allein erklrt werden, sondern immer nur in ihren jeweiligen wechselseitigen Verhltnissen. Die Arbeiterkultur, die fr einige Zeit ein spezifisches und wichtiges Feld der Volkskunde war, kann immer nur in Bezug auf die tonangebende brgerliche Kultur begriffen werden, was in den Formen der Aneignung, der Neutralisierung und der Abweisung dominanter Verkehrsformen deutlich wird. Kulturanalyse erfordert daher ein Denken in Relationen, weil von der Grundannahme ausgegangen wird, dass der Sinngehalt kultureller Phnomene nur durch die Untersuchung des Beziehungsgeflechts zu entschlsseln ist, dem diese Phnomene ihre spezifische Gestalt verdanken. 63 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse

Es entspricht einer Logik aller Kulturwissenschaften, nicht vor allem danach zu fragen, was Menschen tun, sondern wie sie das tun, was immer sie tun. Der Philosoph Ernst Cassirer, eine der in der NS-Zeit emigrierten wichtigen deutsch-jdischen Geistesgren, hat einen Feldbegriff entworfen, der ein Relationsbegriff ist ein Inbegriff von Kraftlinien. Dies hat unter anderem den franzsischen Soziologen und Ethnologen Pierre Bourdieu beeinflusst, der ebenfalls ein prominenter Feldtheoretiker ist. Auch Bourdieu stellte fest, dass in Feldbegriffen denken relational denken heit. Dies lsst sich etwa auch in der Wissenschaftsforschung anwenden, wo es zwischen verschiedenen Feldern wie bei Magnetfeldern zu Anziehungs- und Abstoungsprozessen kommen kann. Deshalb mssten die jeweiligen Konstellationen von Feldern zu einander bzw. auch von Disziplinen zu einander bercksichtigt werden. 64

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Dieses Denken in Konstellationen, in Nachbarn, Konkurrenten und Vorbildern ist aber ber die Wissenschaftsforschung hinaus als heuristisches Mittel fruchtbar. Um dies zu verdeutlichen bringt Rolf Lindner ein Beispiel, und zwar die Festivalisierung bzw. Karnevalisierung der Berliner Stadtpolitik. Love Parade, Christopher Street Day und Karneval der Kulturen knnen in ihrer Entwicklung nur im Zusammenhang mit den anderen verstanden werden. Der Berliner Karneval der Kulturen als multikulturelles Spektakel etwa gewinnt sein besonderes Profil nur in Abgrenzung zur Love Parade, aber auch zum gewhnlichen Karneval. Das beantwortet allerdings nicht, warum dies in Berlin und nicht etwa in Mnchen stattfindet. Der Hauptstadtstatus und der damit verbundene Symbolcharakter taugt als Erklrung insofern nicht, als allein zwei der Paraden noch aus West-Berliner Zeit stammen. Auch die berlegung, dass diese Ereignisse bewusst als Teil der neuen symbolischen konomie der Stdte geschaffen worden sind, trifft nicht zu. 65

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Von besonderem Belang scheint hingegen die Tatsache zu sein, dass sich die Berliner Paraden allesamt einem alternativ/subkulturellen Milieu verdanken. Das alte (West)Berlin als subkultureller Zufluchtsort bildete, so kann als Hypothese formuliert werden, den Nhrboden fr die neuen kulturellen (Re)Prsentationsformen. Hufig wird bei heutigen Darstellungen so getan, als sei es einfach eine freiwillige Entscheidung, wie etwa Stdte kulturelle Phnomene generieren, dabei wird die Frage nach den Wahlmglichkeiten berspielt. Eine Stadt ist kein neutraler, beliebig zu fllender Behlter, sondern ein von Geschichte durchtrnkter, kulturell codierter Raum. Als ein solcher ist er nicht nur ein definierter, sondern auch ein definierender Raum, der ber Mglichkeiten und Grenzen dessen mit entscheidet, was in ihm stattfinden oder was in ihn projiziert werden kann.

Kulturanalyse beinhaltet ein komplexes Vorgehen, was immer bedeutet, konkrete Phnomene wie etwa die genannten Paraden mit unterschiedlichen anderen Formen von Paraden zusammen zu denken, um eine kulturelle Spezifik herauszuarbeiten. 66 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Um auf den vorher eingefhrten Begriff des Feldes zurck zu kommen, lautet die Aufgabe feldbergreifende Effekte zu betrachten. Dazu gehrt auch der Versuch, scheinbar Unmgliches zusammen zu denken. Rolf Lindner meint, etwa den Zuhlter als Verkufer zu begreifen und den Feldforscher als eine Art Detektiv , weil man dadurch nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten erkennen kann. Es bedarf des intellektuellen Verstndnisses, dass ein Phnomen, so unwahrscheinlich es auf den ersten Blick ist, mit anderen Phnomenen zusammenhngt. Hans Ulrich Gumbrecht hat dies in einem historischen Versuch fr

das Jahr 1926 unternommen und sein Vorgehen ein Experiment in historischer Gleichzeitigkeit genannt. Gumbrecht stellt damit im Grunde einfach die Frage, wie man nach dem Ende der groen Erzhlungen und dem Verblassen der groen geisteswissenschaftlichen Theoriegebude berhaupt noch Geschichte lehren kann und suggeriert damit, dass die klassischen Antworten obsolet oder fadenscheinig geworden sind. 67 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Wenn sich also die groen Kausalittsgebude zunehmend als dekonstruiert erweisen, wie kann man dann noch (Kultur-) Geschichte schreiben? Seine Antwort ist verblffend einfach: Kehren wir zurck zu den Quellen, zu den sinnlichen Qualitten, zur konkreten Lebenswelt der Vergangenheit, schaffen wir den Eindruck, in der Vergangenheit zu sein, versuchen wir, die Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes zu re-prsentieren. Gumbrecht wei natrlich, dass dies gar nicht gehen kann, aber er versucht ein interessantes Experiment: Er collagiert eine Flle diskursiver Quellen wie Romane, Gedichte, Feuilletons, Reiseberichte, Zeitdiagnosen, Autobiographien, Drehbcher, Essays, Reportagen, aber auch Werbe- und Todesanzeigen zu einer Art Zeit-Bild, in dem gemeinsame Strukturmuster (Dispositive) und grundlegende Codes (im Sinne von immer wiederkehrenden Bedeutungszusammenhngen) sichtbar werden. In ber 51 Eintrgen widmet sich Gumbrecht diesen Dispositiven und binren Codes. 68

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Einige Eintrge bei den Dispositiven lauten z.B.: Amerikaner in Paris, Bergsteigen, Fahrstuhl, Ausdauer, Streik, Bars, Flieband, Mumien, Uhren oder auch Vlkerbund, die wie in einem Lexikon in Querbezgen immer wieder aufeinander verweisen. Bei den binren Codes gibt es Eintrge wie Authentizitt versus Knstlichkeit, mnnlich versus weiblich, Zentrum versus Peripherie, Stille versus Lrm, Gegenwart versus Vergangenheit. Die Pointe dabei ist die Heterogenitt der Quellenbezge, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie aus dem weltpolitisch eher unbedeutenden Jahr 1926 stammen, um den Blick nicht zu sehr auf gewohnte Perspektiven zu verengen. Diese Heterogenitt soll irritieren und gewohnte Denkschemata aufbrechen, um die chaotische Gleichzeitigkeit des zeitgenssischen Erlebens wieder nachvollziehbar zu machen. Es gelingt ihm durch dieses Verfahren, die Paradoxien des Zeitgeists freizulegen: So verweisen seine Quellen immer wieder auf einen Kult der Oberflche (z.B. bei den Dispositiven Pomade, Revue, Reporter, Film), andererseits aber auch auf einen Hunger nach Authentizitt und Echtheit in einer immer strker vermittelten Wirklichkeit (z.B. bei Jazz, Bergsteigen, Boxen, Stierkampf). 69

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse hnlich paradox erscheint der Kontrast zwischen dem semantischen Grundmuster der Beschleunigung auf der einen Seite und dem der Ewigkeit bzw. Dauer andererseits. Durch sein gewissermaen ironisierendes Verfahren gelingt es Gumbrecht, die Auflsung traditioneller Sinngewissheiten als das durchgngige Grundgefhl der 1920er Jahre plastisch zu veranschaulichen. Gumbrechts Buch regt zu einer Vielzahl von weiterfhrenden berlegungen an, und gerade die willkrliche Engfhrung der Untersuchung auf ein Jahr hat zu einer ungemein dichten Beschreibung der Lebenswelt gefhrt. Vllig neu sind all diese Beobachtungen und Thesen naturgem nicht, aber man hat das selten so paradox verdichtet zu lesen bekommen. Besonders berzeugend sind dabei die vielfltigen Querbezge zwischen Alltagskultur und medial-diskursvier Reprsentation, die die Einseitigkeiten der Alltagsgeschichte wie auch der Ideengeschichte kunstvoll hinter sich lassen. 70 Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Medienereignisse werden auf den verschiedensten Ebenen von der

intellektuellen Spekulation bis zur handfesten Vermarktung entfaltet: So zeigt Gumbrecht beispielsweise, wie die spektakulre Ausgra-bung der Mumie Tutenchamuns nicht nur zu vielfltigen Spekula-tionen ber vorchristliche Kulturen, sondern auch zu einer regel-rechten Welle der Kleidermode mit Tutenchamun-Motiven fhrte. Und hnliches galt fr den Kult um Josephine Baker, der nicht nur die theatralischen Phantasien von Intellektuellen wie Max Reinhardt entzndete, sondern sich auch in hohen Verkaufszahlen von Pomade, Platten und Puppen niederschlug. Gumbrechts Experiment in historischer Gleichzeitigkeit kann etwa dazu fhren, das wiederholte Vorkommen von Topoi empirisch fest-gestellt werden und auf diese Weise richtungsweisende Themen einer Zeit oder Epoche erkannt werden. Lindner meint, wir knnen diese mageblichen Themen auch als kulturelle Themen bezeichnen, die einer bestimmten Zeit Kontur verleihen. Dabei darf man aber nicht der Versuchung erliegen, ein zur Betrachtung stehendes Phnomen nur als typisch fr eine Zeit zu betrachten und es unmittelbar aus den Zeitumstnden abzuleiten, sondern es muss als auf verwickelte Weise in die Zeit verstrickt gesehen werden. 71

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Daher stehen im Mittelpunkt der Kulturanalyse kulturelle Konstellationen, bei denen soziale, kulturelle und biographische Komponenten auf eine zeitspezifische Weise zusammen treffen. Diese Konstellationen gilt es sichtbar zu machen und ihre Logik nachzuzeichnen. Kulturanalyse ist also eine Feld-Analyse bei der kulturelle Komplexe untersucht werden. Feld-Analyse ist dabei ein methodologisches Prinzip, das auch auf den ersten Blick unkonventionelle Wege geht. Gumbrecht hat fr sein vorher vorgestelltes Buch ber 1926 etwa nicht nur alte Zeitungen und Bcher durchgesehen, was ja ein bli-ches Vorgehen ist. Er hat sich ebenfalls die zeitgenssischen Jazzproduktionen angehrt, die Stummfilme gesehen, Sportarten nher betrachtet usw. Kulturanalyse bedeutet in einem gewissen Sinn also auch Hingabe. Wir mssen uns in einen Gegenstand hineinbegeben und das Thema und den Gegenstand, dem wir uns widmen, auf Zeit leben. Volkskundlich-kulturwissenschaftliche Kulturanalyse im umfassen-den Sinn bedeutet, seine Sinne vllig zu ffnen. Der Forscher muss sehen, hren, riechen, schmecken und fhlen. Er oder sie muss stndig auf der Fhrte sein, Quellen aufspren, an nichts anderes als an seinen Gegenstand denken, um ihn begreifen zu knnen. 72

Einfhrung in die Europische Ethnologie - Kulturanalyse Nach Lindner muss der Forscher sich heranpirschen an seinen Gegenstand, ihn umkreisen, ihn durchdringen, ihm auf verquere Weise begegnen, ihm zuweilen auch die kalte Schulter zeigen, um aus seinem Gegenteil, dem Antipoden, neue Anregungen zu gewinnen. Er wird dem Gegenstand, wenn er sich diesem in totaler Weise berlsst, an den unmglichsten Stellen begegnen: auf dem Flohmarkt, im Kino, beim Spiel; in Kleinanzeigen, auf Comicseiten, in Videoclips; beim Musikhren, Prospekte lesen, Zeitschriften blttern. Nur wenn wir dies beherzigen, ist auch der Weg fr den so genannten Zufallstreffer geebnet, fr die Erfahrung der Serendipity. In den Kultur- und Sozialwissenschaften bedeutet Serendipity die Fhigkeit, etwas zu finden, was man nicht gesucht hat, oder anders gesagt, eine zufllige Beobachtung von etwas, das gar nicht das ursprngliche Ziel einer Untersuchung war, das sich bei einer genauen Analyse aber als neue und berraschende Entdeckung erweist. Aber auch wenn sicherlich viele wichtige Entdeckungen auf diese Weise gemacht wurden (Amerika, Penicillin, Rntgenstrahlen), reicht das Warten auf den Zufall nicht aus. Vielmehr ist es ntig, sich fr Neues zu ffnen, einen gewissen Forschergeist und Entdeckerfreude zu entwickeln. 73 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden

Rolf Lindner/Johannes Moser (Hg.): Dresden. Ethnographische Erkundungen einer Residenzstadt. Leipzig: LUV 2006. Wir haben mit einem ganzen Set von historischen und gegenwartsbezogenen Methoden gearbeitet und eine Flle von Quellen durchforstet: Archivstudien, teilnehmende Beobachtung und reine Beobachtung, Fragebogenerhebung, Interviews, Expertengesprche und Wahrnehmungsspaziergnge zhlten ebenso dazu wie die Lektre von Zeitschriften, Romanen, Marketingschriften, Werbungen, Annoncen, wissenschaftlichen Studien, Autobiografien, Werksbesichtigungen, Ausstellungsbesuche, das Sichten von Filmen und Filmmaterial. Es gibt zwei gngige, stereotype Charakterisierungen oder Klischees von Dresden, die sich in aktuellen Stadt- und Reisefhrern finden lassen, die eine ist die Bezeichnung von Dresden als Elbflorenz, die andere ist die Rede von Dresden als Residenzstadt. Mit beiden Charakterisierungen wird eine groe Vergangenheit der Stadt als noch oder wieder erfahrbar behauptet, eine Vergangenheit vor allem der hfischen Pracht. Klischees und Stereotypen sind gelufige Reprsentationen der Besonderheit und Differenz (in unserem Fall: einer Stadt), die aus der Wiederholung und Variation eines Grundthemas oder Topos resultieren. 74 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden Daraus ergibt sich eine kumulative Textur, wie der Soziologe Ge-rald D. Suttles den Prozess der sich aufschichtenden Textbausteine stdtischer Reprsentation bezeichnet hat, wenn wir in unserem Projekt Bezug auf das Bild Dresdens als Residenzstadt nehmen. Damit sollte die Frage aufgeworfen werden, ob sich die Geschichte Dresdens als

Residenzstadt, verstanden als ein Phnomen der longue dure, nicht tatschlich in den Habitus der Stadt und ihrer Bewohner im wahrsten Sinne des Wortes eingegraben hat. Es geht also um eine Anthropologie der Stadt, die es sich zur Aufga-be macht, die jeweilige Individualitt der in Frage stehenden Stdte sichtbar zu machen. Bei frheren Stadtforschungen wurde meist versucht, die ethnologischen Perspektiven und Forschungswerkzeuge in der Stadt zur Anwendung zu bringen, ohne den stdtischen Raum selbst als Bedingungsrahmen fr die untersuchten Artikulations- und Handlungsformen zu bercksichtigen. Im Dresden-Projekt sollte nicht nur das Spezifische am Gebilde Stadt, sondern auch die spezifische Stadt, in der die verschiedenen Milieus und Szenen sozusagen zu Hause sind, die sonst untersucht werden, in den Blick genommen werden. Es geht also um die spezifische Stadt, um das, was Urbanisten wie Dieter Hoffmann-Axthelm, als Stadtindividuum bezeichnen. 75 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden Die Stadt als Ganzes bildete das eigentliche Untersuchungsobjekt. Unser Ausgangspunkt war das Klischee von der fortdauernden Residenzstadt, und zwar weil wir, gewissermaen als Arbeitshypothese, der Auffassung waren, dass der ehemalige Status der Residenzstadt bis heute tatschlich wirkmchtig geblieben ist. Was bedeutet aber eigentlich Residenzstadt? Ein guter Ausgangspunkt ist nach wie vor die Stadttypologie von Max Weber, der die Grokategorien Konsumentenstadt, Produzentenstadt und Hndlerstadt beziehungsweise Handelsstadt unterschieden hat. Dabei handelt es sich um eine Kategorisierung nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, die Folgen fr den Charakter der Stadt hat. Eine Produzentenstadt ist fr Weber eine solche, die eben von Fabriken und produzierendem Gewerbe abhngig ist heute wrden wir sagen Industriestadt.

Eine Hndlerstadt ist demgegenber eine solche, bei welcher die Kaufkraft ihrer Grokonsumenten darauf beruht, dass sie fremde oder heimische Produkte handeln. Der dritte Typ nun ist die Konsumentenstadt, bei der die Erwerbschancen der Gewerbetreibenden und Hndler von der Ansssigkeit von Grokonsumenten an Ort und Stelle abhngig ist. 76 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden Der Sozialanthropologe Ulf Hannerz hat die Webersche Typologie gewissermaen als Paraphrase aufgegriffen, indem er Courttown (also Frstenstadt), Commercetown (also Handelsstadt) und Coketown (also Industriestadt) als die drei wesentlichen historischen Formen des Urbanismus unterschied. Mit dieser Typologie ist auf synchroner Betrachtungsebene ein erster, noch recht grober Verweis auf den jeweilig stadtprgenden Sektor der konomie (Luxuskonsum, Handel, Industrie) gegeben. Diese konomische Perspektive muss selbstverstndlich in Fallanalysen differenziert und konkretisiert werden. Es macht nmlich einen grundlegenden Unterschied aus, ob in Commercetown mit Geld oder Ideen gehandelt wird oder ob Coketown durch die alten Industrien oder durch die neuen Technologien gekennzeichnet ist. Der stadtprgende Sektor der konomie schlgt sich als prgender

nicht nur in entsprechenden gewerblichen und verwaltungstechnischen Einrichtungen nieder, sondern auch in Konsum-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen, die den Bedrfnissen, Interessen und Artikulationsformen der mit den Einrichtungen verbundenen Akteure entsprechen. 77 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden Eine Stadt, deren Grokonsumenten von Industriearbeitern gestellt werden, weist ein anderes Ambiente, eine andere Atmosphre, eine andere Geschmackslandschaft auf als eine Stadt, die durch ein Statusverbraucherethos gekennzeichnet ist, wie Elias eine Gesellschaft bezeichnet hat, die um den Verbrauch von Gtern, und zwar der luxurisen Art, aus einem Reprsentationszwang heraus, zentriert ist. Unschwer lassen sich dafr reprsentative Orte finden: was fr die eine Stadt der Tanzschuppen (dance hall) sein mag, ist fr die andere der Ballsaal (ball room). In Dresden hat der Aufwand, der am kurfrstlichen Hofe betrieben wurde, der Stadt eine bestimmte Frbung gegeben. Besonders wichtig ist fr uns in diesem Zusammenhang, dass Elemente des hfischen Lebens in die Stadtbevlkerung hineingetragen wurden. Das liegt nicht nur daran, dass Dresdens Einwohner an den rituellen Feierlichkeiten teil hatten (weil sie ja, aus Reprsentationszwang, nicht zuletzt auch fr sie gedacht waren). Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gehrten berdies rund ein Zehntel der Dresdner Bevlkerung zu den Familien der unmittelba-ren hfischen Funktionstrger, was ein unmittelbares (Mit-)Erleben des hfischen Lebens einschloss. 78 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden

Eine Residenzstadt zu sein, bedeutet zunchst einmal, dass sich das ganze wirtschaftliche und soziale Leben der Stadt um die Ansprche und Kapricen des Hofes dreht, Ansprche und Kapricen, die sich nicht zuletzt in der Reprsentationskultur und im Luxuskonsum artikulieren. Wenn wir uns die Entwicklung des Dresdner Handwerks und Gewerbes ansehen, so kann von einer hfisch geprgten Eigenart des Dresdner Handwerks- und Wirtschaftslebens gesprochen werden, in der das Kunsthandwerk und die Bereitstellung von Genussmitteln eine besondere Bedeutung hatten. Ebenso wie die Residenz die Stadt prgt und wie es reprsentative Orte gibt, existieren typische Berufe. Gehen wir von einer spezifischen Prgung von Stdten aus, so korrespondieren damit eben auch typische Berufe oder Berufskulturen. Werner Schiffauer hat den Stdten vier Idealtypen von Berufskulturen zugeordnet, weil durch den jeweiligen Stdtetyp eine jeweils dominante Gruppe definiert werde. Fr eine Industriestadt ist demnach die Berufskultur des Kollektivs typisch, die sich durch relative Homogenitt auszeichne. 79 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden In einer Handelsstadt dominiere eine individualistische Berufskultur, die aus der Konkurrenzsituation der handelnden Akteure resultiere.

Es herrsche weniger Anpassung als in anderen Stdtetypen und die Kunst der Selbstinszenierung sei wichtiger als in anderen Berufskulturen. Fr Dresden als Residenz- und Verwaltungsstadt trifft Schiffauers Beschreibung einer hierarchischen Berufskultur zu, die eine Identifikation mit dem Ganzen aufweist sei es (in der liberalen Version) mit dem Gemeinwohl oder (in der konservativen Version) mit der Wrde des Staates. Wollen wir die typischen Berufe in Dresden ins Auge fassen, so sind das die Beamten, der Adel, das Militr und die politisch einflussreichen Hausbesitzer. Der Adel und das Militr spielen heute keine Rolle mehr, aber der Charakter Dresdens als Residenzstadt schlgt sich auch noch im Leben der Stadt nach der Industrialisierung und sogar nach dem Staatssozialismus nieder. Wir sind im Dresden-Projekt von der kulturanalytischen berlegung ausgegangen, dass sich die Besonderheiten einer Stadt in einer charakteristischen Geschmackslandschaft verdichten, die in einem nicht unerheblichen Ausma die Atmosphre der Stadt bestimmt. 80 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden Geschmackslandschaften gewinnen ihr charakteristisches Geprge

durch das Zusammenspiel der sie konstituierenden Elemente, die in Wechselwirkung zueinander stehen, auseinander hervorgehen und sich aufeinander beziehen. Dies lsst sich im wirtschaftlichen Bereich verfolgen, wofr die Wirtschaftswissenschaften Begriffe wie Pfadabhngikeit, Synergieeffekt und hnliches entwickelt hat. Die Genussmittelindustrie hat etwa zu einem Bild beigetragen, das auch andere Produkte den Charakter des Genusses erhielten. Was beim Konzept der Geschmackslandschaft betont wird, ist die Vorstellung einer prstabilisierten Harmonie von Geschmacksorientierungen, sthetischen Prferenzen und stilistischen Konventionen, bei der das eine zum anderen passt, das eine mit dem anderen auf angenehme Weise bereinstimmt, mit ihm korrespondiert, durchaus im doppelten Wortsinne. In der Dresdenspezifischen Malerei wird dies ebenso deutlich wie in der Literatur. 81 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden In einem Gesprch mit dem aus Dresden stammenden Lyriker Durs

Grnbein fragt Renatus Deckert, ob diese lokale Mentalitt, dazu der schsische Dialekt und die Weichheit der Dresdner Topogra-phie, ob also diese ueren Bedingungen einen speziellen Ton im Schreiben formen, worauf Grnbein antwortet: Untergrndig ist das gewiss so. Noch deutlicher sichtbar als in der Dichtung wird das in der Malerei. [...] Diese frhe Prgung ist offenbar etwas, was man kaum abstreifen kann. Und umso vehementer man es abzustreifen versucht, desto deutlicher kehrt es wieder. Es ist der genetische Co-de des Knstlers, der mit seiner Ursprungslandschaft zusammen-hngt, der ihm aber oft unbekannt ist. Dresden bildete eine Geschmackslandschaft, die von Verfeine-rungen in Handwerk, Gewerbe und in den Knsten, durchzogen war, weshalb das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu auch in der Stadtanalyse mit Gewinn Anwendung finden kann. Mit dem Konzept Habitus ist immer ein Hinweis darauf verbunden, dass unser Handeln nicht voraussetzungslos ist. Stets ist damit et-was biographisch Erworbenes und geschichtlich Gewordenes ge-meint, das das Handeln insofern leitet beziehungsweise kanalisiert, als es etwas Bestimmtes aufgrund von Geschmack, Neigungen und Vorlieben, kurz: Dispositionen nahe legt. 82 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden bertragbar wird der Habitus-Begriff freilich nur dann, wenn wir voraussetzen , dass auch Stdte Individuen sind, mit einer eigenen Biographie (sprich: Geschichte), mit einer eigenen Sozialisation und mit ihr eigenen Mustern der Lebensfhrung. Der Nutzen des Habitus-Konzepts scheint vor allen Dingen darin zu

bestehen, dass man mit ihm jene Konstanz der Dispositionen, des Geschmacks, der Prferenzen erklren kann, die sonst so viel Kopfzerbrechen bereitet. Nirgendwo wird die Konstanz, ja die Hartnckigkeit deutlicher als in den Schwierigkeiten, die der Versuch bereitet, das Image einer Stadt oder besser: ihre verinnerlichten Muster zu verndern. Verstehen wir den bewohnten Raum in Anlehnung an Bourdieu als sozial konstruiert und markiert, das heit mit Eigenschaften versehen, dann kann als eine zentrale Aufgabe der Stadtforschung die Untersuchung der bestimmten Ordnung und Anordnung von Eigenschaften als Spezifikum des bewohnten Raums angesehen werden. In einem kleinen Spiel mit Bourdieu haben wir bei 515 Studieren-den der Europischen Ethnologie nach den Eigenschaften von acht deutschen Stdten, nmlich Berlin, Dresden, Essen, Frankfurt a.M., Hamburg, Leipzig, Mnchen und Stuttgart gefragt. 83 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden Als Eigenschaften wurden zur Auswahl gestellt: dynamisch, abweisend, konservativ, ordinr, freundlich, bieder, multikulturell, schn, aggressiv, alternativ, gemtlich und fleiig Diesem Spiel liegt das so genannte Eigenschaftslistenverfahren (adjective selection technique) zugrunde, das die Psychologen Daniel Katz und Kenneth W. Braly zur Messung von Stereotypen entwickelt

haben. Der Versuch zeigt, dass sich gerade in der Konfiguration von Eigenschaftszuschreibungen sowohl in Bezug auf eine Stadt als auch im Stdtevergleich etwas ber diese Stadt verrt, so wie Stereotypen generell etwas verraten. Insgesamt fllt bei unserer Befragung auf, dass Dresden eine Stadt ist, von der ein relativ klares Bild in den Vorstellungen der Befragten verankert ist. Dresden erreicht sieben erste Pltze bei den positiven und negativen Antworten zu den abgefragten Eigenschaften. Damit rangiert es noch vor Berlin, das bei sechs Eigenschaften am hufigsten genannt wird. Weit dahinter folgen Essen, Frankfurt am Main und Mnchen, die bei jeweils drei Eigenschaften die Spitzenpositionen einnehmen. 84 Einfhrung in die Europische Ethnologie Dresden Aussagekrftig wird dieses Spiel mit den Platzierungen jedoch erst, wenn wir die Spitzenpltze bndeln und sehen, ob sich daraus relativ kohrente Zuschreibungen an Orte ablesen lassen. Dresden gilt als schn, freundlich und gemtlich sowie als nicht ordinr, nicht aggressiv, nicht multikulturell. Mnchen zum Beispiel als konservativ, bieder und nicht alternativ. Berlin wiederum gilt als dynamisch, multikulturell und alternativ, als nicht konservativ, nicht bieder und nicht fleiig. Bei dieser Clusterung der Eigenschaften wird viel deutlicher, als wir es vermutet htten, ber welch klar ausgeprgte Images manche Stdte verfgen. Auf der einen Seite das schne Dresden oder Mnchen mit den weiteren zu einer Residenzstadt passenden Kategorien, auf der anderen Seite die dynamische Metropole Berlin, mit der ebenfalls die entsprechenden Eigenschaften korrespondieren.

Werfen wir noch einen Blick auf die anderen Stdte mit Mehrfachnennungen, so setzt sich diese Beobachtung fort. Essen wird als Ruhrgebietsstadt wahrgenommen und als abweisend, ordinr und nicht schn eingeschtzt. Frankfurt am Main hat, wenn wir es so bezeichnen wollen, ein ziemlich negatives Image, denn es gilt als aggressiv, nicht freundlich und nicht gemtlich. 85 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Kultur und Alltag sind zentrale Perspektiven, mit denen sich die Beziehungen zwischen Individuen und Gesellschaft sinnvoll erfassen lassen. Alltag und Alltagskultur sind in der Volkskunde ganz selbstverstndliche sozusagen alltgliche Begriffe, so dass sie gar nicht mehr genauer bestimmt werden. Auch fr andere Disziplinen wie Geschichte und Soziologie ist der Alltagsbegriff bedeutend. In der Volkskunde gibt es zwar auch schon vor den 1970er Jahren Hinweise auf die Beschftigung mit dem Alltag, so kann man wie fast immer bei Wilhelm Heinrich Riehl fndig werden, der ber alltgliches Daseyn schrieb. Populr wurde der Begriff seit den 1970er Jahren, aber es gibt wie beim Kulturbegriff eine Flle von Definitionen.

Norbert Elias hat 1978 in einem kurzen berblick aufgezeigt, welche verschiedenen, sich teilweise berschneidenden Bedeutungen dem Begriff innewohnen. Und er hat deshalb auch vor der inflationren Verwendung des Begriffs gewarnt. 86 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Alltag unterscheidet sich nach Elias Definition vom Festtag, es umfasst den Familienalltag und die private Sphre ebenso wie den ffentlichen Erwerbsarbeitsalltag. Unter Alltag wird auch das Repetitive verstanden, die sich wiederholenden, routinisierten Handlungen, die dem Besonderen und Einmaligen entgegenstehen. Oft wird unter Alltag auch das Leben der breiten Masse verstanden im Gegensatz etwa zum Leben der Prominenz. Wir mssen uns zudem vergegenwrtigen, dass die Betrachtung des Alltags auch eine Frage der Perspektive ist: Fr den einzelnen Menschen sind Geburt, Krankheit, Hochzeit oder Tod ganz besondere Ereignisse im Leben, aus der Wahrnehmung der Gesamtgesellschaft und aus einer Makroperspektive stellen sie nichts anderes dar als den Alltag von Menschen.

Schlielich ist der Alltag durch eine spezifische Wahrnehmungsform gekennzeichnet: durch ein spontanes und unreflektiertes Erleben und durch besondere erfahrungsbezogene und ritualisierte Interpretations- und Verhaltensmuster. 87 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Die Traditionen der modernen Alltagsforschung reichen zurck bis in die 1930er Jahre, als der Philosoph Edmund Husserl seine Theorie der Lebenswelt entwarf. Diese Lebenswelt nannte er auch Alltagswelt oder beschrnkte Umwelt. Diese Theorie der Lebenswelt beschreibt die konkrete anschauliche Welt, in die der Mensch hineingeboren wird. In dieser Welt lebt und kommuniziert man mit anderen Menschen. Und diese Welt ist fr das Individuum wie fr alle anderen darin lebenden Menschen die unhinterfragbare Wirklichkeit. Alltag ist demnach das selbstverstndlich Hingenommene, in dem Menschen sich und andere fhlend, denkend und handelnd erleben. Aus dieser alltglichen Seinsgestaltung, wie Husserl das genannt hat, ziehen Menschen auch ihre Seinsgewissheit. Die gemeinsame

Praxis verleiht nach Husserl dem Alltag eine intersubjektive Geltungswirklichkeit. Fr die moderne Alltagstheorie sind dann die Ausfhrungen von Alfred Schtz aus den 1950er Jahren zentral geworden, insbesondere seine zentralen Aussagen in dem mit seinem Schler Thomas Luckmann verfassten Buch Strukturen der Lebenswelt. 88 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Wesentliche Elemente sind auch in dem bis heute einflussreichen Werk Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit von Peter Berger und Thomas Luckmann enthalten. Schtz meinte, die alltgliche Lebenswelt sei jener Wirklichkeitsbereich, an dem der Mensch in unausweichlicher, regelmiger Wiederkehr teilnimmt. In die alltgliche Lebenswelt kann der Mensch eingreifen und er kann sie verndern, indem er in ihr wirkt. Gleichzeitig wird er in diesem Bereich in seinen freien Handlungsmglichkeiten durch andere eingeschrnkt. Nur in der alltglichen Lebenswelt kann sich der Mensch mit seinen Mitmenschen verstndigen und mit ihnen zusammenwirken. Nur in ihr kann sich eine gemeinsame kommunikative Umwelt konstituieren. Unter alltglicher Lebenswelt so Schtz und Luckmann soll jener Wirklichkeitsbereich verstanden werden, den der wache und normale Erwachsene in der Einstellung des gesunden

Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet. Mit schlicht gegeben bezeichnen wir alles, was wir als fraglos erleben, jeden Sachverhalt, der uns bis auf weiteres unproblematisch erscheint. 89 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Schtz zhlt auch die fraglosen Gegebenheiten der alltglichen Lebenswelt auf, die als Totalitt fr das handelnde Subjekt vorhanden sind: a die krperliche Existenz von anderen Menschen b dass diese Krper mit Bewusstsein ausgestattet sind, das dem meinen prinzipiell hnlich ist; c dass die Auenweltdinge in meiner Umwelt und in der meiner Mitmenschen fr uns die gleichen sind und grundstzlich die gleiche Bedeutung haben; d dass ich mit meinen Mitmenschen in Wechselbeziehung und Wechselwirkung treten kann; e dass ich mich dies folgt aus den vorangegangenen Annahmen mit ihnen verstndigen kann; f dass eine gegliederte Sozial- und Kulturwelt als Bezugsraum fr mich und meine Mitmenschen historisch vorgegeben ist, und zwar in einer ebenso fraglosen Weise wie die Naturwelt; g dass also die Situation, in der ich mich jeweils befinde, nur zu einem geringen Teil eine rein von mir geschaffene ist. 90 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Die Lebenswelt ist also eine intersubjektive Welt vertrauter Wirklichkeit, in der die einzelnen Menschen als Handelnde gefordert sind.

Fr diese Lebenspraxis steht den Menschen nach Schtz der kulturell ererbte und enkulturierte Wissensvorrat zur Verfgung, aber auch die Eigenerfahrung situationaler Problemlsungen. Es drfte klar geworden sein, dass eine Bedingung des Zusammenlebens und der Interaktion in diesem Lebensund Alltagsweltkonzept die Vorstellung der Wechselseitigkeit der Perspektiven ist. Das meint, dass auch der jeweils Andere in der Lage ist, meine Perspektiven zu verstehen; ja mehr noch wird vorausgesetzt, dass die Bedeutungssysteme der miteinander interagierenden Menschen bereinstimmen. Gemeinsame Wissensbestnde und Interpretationsverfahren gehren dazu. Um nun die Komplexitt des Alltags zu reduzieren und Handlungen zu vereinfachen, bedient sich das praktische Alltagsdenken bestimmter Routinen z.B. Festlegungen, was normal ist; oder

Typisie-rungen von Situationen und Personen. 91 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Alles, was in diesen Wahrnehmungen strt und fremd ist, wird ausgeblendet oder gar ausgegrenzt, weil es nicht in das vorgefasste Schema passt. Diese Strategien und Klassifikationsmuster haben in der Literatur durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen und Wertungen erfah-ren. Den einen erscheint dieser Alltag hufig borniert und blind; die anderen berbetonen den so genannten Eigensinn, wie Carola Lipp kritisch anmerkte. Auf jeden Fall meint Alltag in dieser hier vorgestellten wissenssoziologischen Theorie einen besonderen Typus der Erfahrung, des Handelns und des Wissens. Eine systematische Weiterentwicklung dieses Konzepts findet sich in der Schule des Symbolischen Interaktionismus und in der so genannten Ethnomethodologie. Das sind streng genommen soziologische Schulen , die auf vielfltige Weise auch die Kulturwissenschaften beeinflusst haben. Der symbolische Interaktionismus ist verbunden mit den Namen George Herbert Mead und Herbert Bulmer, im weitesten Sinn auch mit Erving Goffman. 92 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Der symbolische Interaktionismus geht davon aus, dass die gesamte Interaktion zwischen Menschen auf dem Austausch von Symbolen

besteht. Wenn wir mit anderen interagieren, so suchen wir stndig nach Anhaltspunkten, die uns sagen, welche Art von Verhalten im betreffenden Kontext richtig ist und wie das zu interpretieren sei, was der andere meint oder beabsichtigt. Der symbolische Interaktionismus lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Details der interpersonellen Interaktion und darauf, wie diese Details verwendet werden, um dem, was gesagt und getan wird, Sinn zu verleihen. Der symbolische Interaktionisus konzentriert sich vor allem auf faceto-face-Interaktionen in den Kontexten des Alltagslebens. Erving Goffman ist mit seinen Arbeiten diesbezglich besonders prgend geworden. In der Goffmanschen Ausprgung bietet der symbolische Interaktionismus vielerlei Einblicke in die Natur unserer Handlungen im Laufe unseres tglichen sozialen Lebens. 93

Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Goffman hat etwa fr die Analyse der sozialen Interaktion auf die Begriffe des Theaters zurckgegriffen. So zum Beispiel in seinem Buch Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. Schon der Begriff der sozialen Rolle, der in den Sozialwissenschaften weit verbreitet ist, stammt aus dem Theatermilieu. Rollen sind sozial definierte Erwartungen, die eine Person, die einen bestimmten Status oder eine bestimmte soziale Position innehat, erfllt oder zu erfllen hat. Goffman verwendet ein dramaturgisches Modell, um das soziale Leben zu betrachten. So als handle es sich dabei um ein Schauspiel auf einer Bhne oder auf vielen Bhnen, weil unser Handeln ja von verschiedenen Rollen geprgt ist, die wir zu verschiedenen Zeitpunk-ten einnehmen. Menschen sind sehr sensibel gegenber dem Bild, das andere von ihnen haben. Daher versuchen sie, diesen Eindruck zu manipulieren, damit andere Menschen in der gewnschten Form reagieren. Obwohl diese Manipulation in berechnender Weise

geschehen kann, gehrt es blicherweise zu den Dingen, die wir tun, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. 94 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Eine besondere Unterscheidung trifft Goffman noch mit den Begriffen Vorderbhne und Hinterbhne. Die Vorderbhne ist jener Bereich der sozialen Kontakte und Anlsse, bei denen formale und stilisierte Rollen gespielt werden. Die Hinterbhne ist jener weniger stark formalisierte Bereich, in dem das Tun auf der Vorderbhne vorbereitet oder begleitet wird. Ein besonders interessantes Buch von Erving Goffman heit Stigma. ber Techniken der Bewltigung beschdigter Identitt. Hier zeigt Goffman, dass normale Menschen Personen mit einem Stigma (eine Behinderung oder z.B. eine soziale Abweichung) oft uerst wirksam, wenn auch oft gedankenlos, diskriminieren. Stigmatisierte Personen wissen das und unternehmen dann

Versuche, das zu korrigieren. Entweder indem sie die objektive Basis ihres Fehlers beheben, indem sie diesen Fehler zu verstecken suchen oder etwa indem sie zu beweisen suchen, dass sie in Ttigkeitsbereichen bestehen knnen, von denen andere annehmen, sie knnten das wegen gewisser Einschrnkungen nicht erreichen. 95 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Wenn jemand mit einem Stigma versuchen will, andere zu tuschen, bedarf es eines immensen Aufwandes. Was fr so genannte Nor-male Routineangelegenheiten sind, kann fr einen Diskreditierba-ren, also jemanden der noch nicht durch sein Stigma diskrediert ist, zu einem richtigen Organisationsproblem werden. Das Individuum mit einem geheimen Fehler muss sich demnach der sozialen Situation in der Art eines stndigen Abtastens von Mglichkeiten bewusst sein. Die fr andere unkomplizierte Welt ist es fr ihn keineswegs. Was fr andere trivial ist, wird fr den Diskreditierbaren zum Problem. Goffman greift immer auf eindrckliche Beispiele zurck. Sie fhren ganz deutlich vor Augen, was in den theoretischen Ausfhrungen zur Alltags- und Lebenswelt theoretisch bereits ausgesagt wurde. In der Alltagswelt vereinfachen wir, greifen auf Normalittsvorstellungen und Deutungsroutinen zurck, die uns helfen, eine komplexe Umwelt in den Griff zu bekommen, in denen aber auch ein gehriges Potential an Diskrminierungsmustern steckt. Die Beispiele aus Goffmans Buch verraten gerade dadurch, dass sie stigmatisierte Menschen und ihre Umgangsweisen damit in den Blick nehmen, wie Kommunikation funktioniert.

96 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Gerade hier setzt auch die Ethnomethodologie an. Die Ethnomethodologie ist die Untersuchung der Ethnomethoden, das sind die von Laien benutzten Methoden. Diese Methoden werden angewandt, um den Sinn dessen, was andere Menschen tun, und vor allem dessen, was sie sagen, zu entschlsseln. Wir alle verwenden in der Interaktion mit anderen Menschen Methoden, um dem Handeln und Reden der anderen einen Sinn abzugewinnen, wobei wir diesen Methoden blicherweise keine gesonderte Aufmerksamkeit schenken. Oft knnen wir einer Situation nur Sinn abgewinnen, weil wir den sozialen Kontext kennen, der in den Worten selbst nicht in Erscheinung tritt. Selbst die unbedeutendsten Formen des alltglichen Lebens setzen ein kompliziertes gemeinsames Wissen voraus.

Die in der alltglichen Kommunikation verwendeten Wrter haben keine przisen Bedeutungen und was wir sagen mchten bzw. das Verstndnis des Gesagten wird durch die unausgesprochenen Annahmen festgelegt, die den verschiedenen Bedeutungen zugrunde liegen. 97 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Wir haben also bei unserer tagtglichen Kommunikation Hintergrunderwartungen und fr diese Hintergrunderwartungen etwa interessiert sich die Ethnomethodologie. Der Soziologe Harold Garfinkel hat durch seine so genannten Krisenexperimente versucht, Kommunikationsstrukturen und Hintergrunderwartungen offen zu legen. Das funktioniert etwa in der Form, dass man den Sinn der beilufigsten Bemerkungen und allgemeiner Kommentare nicht einfach hinnimmt, sondern ihnen nachgeht, um ihren Sinn zu przisieren. Die Experimente sollen dazu beitragen, die grundlegenden Modi unseres Zusammenlebens zu verstehen. Die Stabilitt und Sinnhaftigkeit unseres tglichen sozialen Lebens

hngt vom gemeinsamen Besitz unausgesprochener kultureller Annahmen darber ab, was warum gesagt wird. Wren wir nicht in der Lage, diese Annahmen vorauszusetzen, wre sinnvolle Kommunikation unmglich. 98 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Jeder Frage oder jedem Beitrag zu einer Konversation msste ein massives Suchverfahren folgen, wie es in Garfinkels Experimenten gezeigt wurde, und die Interaktion wrde schlicht zusammenbrechen. Was also auf den ersten Blick als unwichtige Konventionen der Rede erscheint, stellt sich als fundamental fr das Gewebe des sozialen Lebens heraus, weshalb der Versto gegen Konventionen eine so ernsthafte Sache ist. Ein anderer Ansatz der Alltagstheorie stellt eine eher gesellschaftspolitische Analyse der sptkapitalistischen Massenkonsumgesellschaften dar und kritisiert die entfremdeten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Beispielhaft dafr steht Henri Lefbvres Kritik des Alltagslebens, die viele Disziplinen beeinflusst hat. Die Entdeckung des Alltags kann aus dieser Perspektive als das kulturelle Konstrukt einer Generation der Entfremdung verstanden werden, meinte etwa die andere marxistische Denkerin des Alltags Agnes Heller.

99 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag So argumentierte Utz Jeggle in den Grundzgen der Volkskunde schon 1978, es sei vom Alltag gesprochen worden, als er in die Krise gekommen sei, als das Gewohnte problematisch geworden sei. Der Begriff Alltag war verbunden mit der Kritik an einem segmentierten, durch kapitalistische Produktionsverhltnisse geprgten Alltag, der nicht entlang den Bedrfnissen der Menschen organisiert war, sondern dem Dikta sptkapitalistischer Kulturindustrie folgte. Das Thema Alltag war also politisch aufgeladen und hing in der Volkskunde wie auch in anderen Fchern mit der Diskussion um fachpolitische Standortbestimmungen zusammen. In der Volkskunde geht die Rezeption des Alltagsbegriffs einher mit der Neubestimmung der Volkskunde gegen Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre. Der Begriff Alltag tauchte programmatisch erstmals bei den Falkensteiner Diskussionen auf, bei denen 1970 ber Selbstverstndnis, Erkenntnisziel und Aufgaben der Volkskunde gerungen wurde. 100 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Gerhard Heilfurth argumentierte bereits vor Falkenstein mit dem Begriff Lebenswelt und Ina-Maria Greverus forderte 1971 eine Wende zur Lebenswelt, weil sie die Volkskunde geradezu als prdestiniert ansah, die alltgliche Lebenswelt des europischen Menschen zu erforschen.

Greverus legte dann bei ihrer Neuausrichtung des Frankfurter Instituts und dessen Umbenennung in Kulturanthropologie und Europische Ethnologie ein klares Bekenntnis zur angelschsischen Kultur- und Sozialanthropologie ab, deren theoretische Basis ihr geeignet erschienen, die Kultur und Alltagswelt in europischen Gesellschaften zu untersuchen. In der zweiten Hlfte der 1970er Jahre setzte sich Greverus mit der kulturkritischen Position der neueren Alltagsdiskussion auseinander und geht in der Tradition der Kulturkritik von einer Trennung von Kultur und Alltag aus. Der Alltagsbegriff verweist fr sie auf eine deformierte Umwelt. Dem hlt sie ihren Kulturbegriff entgegen, in dessen Zentrum die Vorstellung einer aktiv vom Menschen gestalteten Lebenswelt steht. 101 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag

Der Mensch war fr sie Schpfer und Geschpf der Kultur und sie betonte die Fhigkeit des Menschen zur aktiven Anpassung, zur Gestaltung und Vernderung der Umwelt wie der eigenen Verhaltensweisen. In Tbingen wiederum, wo sich das Fach Volkskunde in Empirische Kulturwissenschaft umbenannt hatte, war die Erforschung des Alltags zunchst von einem politischen Emanzipationsprozess geprgt. Spter entwickelte sich daraus eine historisch orientierte Alltagsund Kulturforschung, die vor allem durch Utz Jeggle auch ethnopsychoanalytische Einflsse erhielt. Zunchst wurde ebenfalls in der Tradition der kritischen Theorie auf dem Hintergrund des Entfremdungsmodells argumentiert und es wurde versucht, die antagonistischen Widersprche in der kapitalistischen Gesellschaft zu analysieren. Danach wurde diese materialistische Alltagsforschung an die Entwicklung des Faches rckgebunden und fhrte zu einer verstrkten Erforschung von Gruppenkulturen. Dies zeigte sich unter anderem an der Arbeiterkulturforschung und an einer schichtendifferenzierenden Gemeindeforschung 102 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag In Tbingen wurde die historische Dimension des Alltagskonzepts viel strker betont als etwa in Frankfurt.

Der alltagsweltliche Zugang ist deshalb attraktiv, weil er sich den Akteuren zuwendet. Aufgegriffen wurde er auch in den Geschichtswissenschaften, die ber die traditionelle Struktur- und Herrschaftsgeschichte hinaus zu den historischen Subjekten vordringen wollte. Daraus resultierte, so knnte man im weitesten Sinn sagen, eine vernderte Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verhltnisse. Man begann unter dem Signum der Alltagsforschung, sich mit dem Blick von unten zu beschftigen. Das beinhaltete auch eine dichotome Vorstellung von Kultur und Gesellschaft mit einem klar abgegrenzten Unten und Oben. Geprgt waren diese Formen der Alltagsforschung zunchst von der kritischen Theorie und von einem Klassenkonzept, das von kul-tureller Hegemonie und kulturindustrieller Manipulation ausging. In der Arbeiterkulturforschung setzte sich dann das leninistische Zweikulturenmodell von unterdrckter und unterdrckender Klasse durch, das allerdings modifiziert wurde durch Einflsse von Edward P. Thompson, der die Aneignungs- und Widerstandsformen der Arbeiterklasse betonte. 103 Einfhrung in die Europische Ethnologie Alltag Aus dem Umfeld einer Alltagsgeschichtsforschung entwickelten sich einige viel diskutierte Anstze. Vor allem aus der Beschftigung mit den unteren Schichten vor der Industrialisierung, also in der Frhen Neuzeit, entstanden Konzepte, die danach fragten, wie Verhaltensmuster und Mentalitten ber einen lngeren Zeitraum hinweg

tradiert werden. So entwickelte sich etwa das Konzept des Eigensinns der unteren Schichten. Dieser Eigensinn schreibt der Arbeiter- und Volkskultur eine inhrente Widerstndigkeit gegen die herrschende Kultur zu, eine sich im Alltag formierende und formulierende Differenz, ein kollektives Wir-Bewutsein. Fr diese Ausrichtung stehen etwa die Arbeiten des Historikers Alf Ldtke, aber auch der Volkskundler und Europische Ethnologe Wolfgang Kaschuba argumentierte in diese Richtung. 104 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Gemeindeforschungen verfgen innerhalb der Sozialwissenschaften ber eine lange, innerhalb der Volkskunde/Europischen Ethnologie immerhin ber eine gewisse Tradition. In der Alltagsethnographie der Dorf- und Gemeindeforschung ging man davon aus, da sich im begrenzten Ausschnitt einer drflichen Gesellschaft deren historische Erfahrungen und soziale Ordnungen, kulturelle Verkehrsformen und soziale Gruppierungen sehr przise

beobachten und in ihrem Zusammenwirken als ein berschaubares soziales Universum analysieren lassen (Kaschuba). Dabei gibt es ganz unterschiedliche Formen der Gemeindeforschung oder Community Studies. Die Bandbreite reicht von der Untersuchung kleiner Agrargemeinden, ber rckstndige Orte in urbanisierten Nationen ber suburbane Gemeinden bis hin zu enthnischen Gruppierungen und Quartieren in Grostdten. In den USA wurden auch ganze Stdte als communities untersucht. Auch in der Volkskunde wurden community studies durchgefhrt, besonders bekannt wurde etwa das von Tbingen aus viel untersuchte Kiebingen. 105 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Insbesondere am Frankfurter Institut fr Kulturanthropologie und Europische Ethnologie etablierte sich Gemeindeforschung als ein Schwerpunkt, innerhalb dessen verschiedenste kulturelle Phnomene im Rahmen von Mikrostudien am Beispiel von Gemeinden untersucht wurden. Gemeindestudien erfuhren aber auch einige Kritik. Gisela Welz hat einige der Kritikpunkte zusammengefasst: Gemeindeforschung reproduziert die Gemeinde, den Wohn- und Lebensraum der untersuchten Bevlkerung, als eine Verknpfung von Kultur und Identitt. Immobilitt, geringe Aktionsradien, intensive Binnenkommunikation, konformittserzeugende berschaubarkeit werden in der Sozialforschung gerne der kleinen Gemeinde und ihren Bewohnern zugeschrieben. Heute knnen wir sagen, dass die Gemeindeforschung in der Europischen Ethnologie aus der Mode geraten ist. Noch 1967 hatte Sigurd Erixon die Gemeindeforschung zu den dringenden Fachaufgaben gezhlt, aber nach einem kurzen Boom in den 1970er und zu Beginn der 1980er Jahren sind die entsprechenden Forschungen wieder zurckgegangen. 106 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Angesichts sptmoderner

Diskurse von Globalisierung, Entrumlichung, Entbettung und wie die Begrifflichkeiten alle lauten mgen, handelt es sich bei der Gemeinde um ein berholtes Konzept, wie manche meinen. Fr viele Sozialwissenschaftler ist die Gemeinde heutzutage etwas Anachronistisches. Sie wird als ein Stadium einer Entwicklung gesehen, das berholt ist. In komplexen Gesellschaften htten kontraktuelle Beziehungen jene Bindungen und Interaktionen ersetzt, die fr Gemeinden typisch gewesen seien. In diese Richtung gingen schon Argumentationen, bevor Gemeindestudien in Europa populr wurden. Auch Carola Lipp und Wolfgang Kaschuba haben den Begriff Gemeinde bereits in den 1970er Jahren in Frage gestellt: Vor der Beschftigung mit Phnomenen des Lebens in der Gemeinde steht somit bei allen gesellschaftlichen Siedlungseinheiten immer die Frage nach der Gltigkeit des Begriffs als Definitionsrahmen; beschreibt er berhaupt noch die wesentlichen strukturellen Grundlagen gesellschaftlicher Existenz? 107 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Aber mit solchen voreiligen Schlssen sollte man vorsichtig sein. Zunchst gilt es zu klren: 1. was unter Gemeinde zu verstehen ist; 2. ob sie in der Alltagswelt der Menschen eine Rolle spielt und 3. ob sie fr die Disziplin weiterhin ein tragfhiges Konzept darstellt?

Ausgehend von diesen Fragen knnen wir den Vernderungen von Gemeinde nachspren und die eventuelle Irrelevanz des Konzeptes behaupten. Gemeinde wird hier synonym mit dem englischen Begriff community benutzt. Im englischen community schwingt die Doppelbedeutung von Gemeinde und Gemeinschaft strker mit als in der Verwendung des Begriffs Gemeinde in vielen deutschsprachigen Arbeiten zum Thema. Der Begriff Gemeinde kann in einem umfassenden Sinn verwendet werden, wie dies in der Kultur- und Sozialanthropologie blich geworden ist. Gemeinde wird demnach durch zumindest drei Aspekte charakterisiert, die einander einschlieen knnen, aber nicht mssen. 108 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung 1. Erstens kann Gemeinde als eine sozialrumliche Einheit verstanden werden, die den Lebensmittelpunkt einer Gruppe von Menschen darstellt. So sieht z.B. Hermann Bausinger die Gemeinde als eine sozialrumliche Einheit, die durch eine Spannung zwischen Enge und Weite charakterisiert wird. Diese gemeinsame Lokalitt kann darber hinaus eine politische Einheit sein, wie z.B. ein Dorf.

2. Zweitens kann Gemeinde ein gemeinsames Sozialsystem oder eine gemeinsame Sozialstruktur bezeichnen, die lokal verankert sein knnen, aber nicht notwendigerweise mssen [z.B. Grobauern]. 3. Drittens kann sich das Konzept der Gemeinde auf gemeinsame Interessen zwischen Menschen beziehen [z.B. Sportverein]. In allen Fllen stellt Gemeinde ein symbolisches und kontrastives Konstrukt dar, das durch ein gemeinsames Bewutsein einer Grenze gegenber anderen soziale Gruppen bestimmt ist. Dabei knnen diese Grenzen je nach Perspektive variieren. Gemeinden existieren dementsprechend nicht vorwiegend aus sozialstrukturellen Systemen und Institutionen, sondern als Bedeutungswelten in den Vorstellungen ihrer Mitglieder. 109 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung In den meisten Gemeindestudien werden allerdings Gemeinden bzw. Gemeinschaften immer an eine spezifische Lokalitt wie Stadt, Dorf oder zumindest Ortsteil geknpft. Ein

grundstzliches Dilemma durchzieht fast alle Gemeindeforschun-gen. Es handelt sich um das Ideal von Gemeinde, das hufig explizit, meist jedoch implizit in den Arbeiten zum Ausdruck kommt. Um dies zu verstehen, muss man auf das ursprngliche Konzept von Gemeinschaft zurckblicken, welches Ferdinand Tnnies 1887 in die wissenschaftliche Diskussion gebracht hat. Tnnies lebte von 1855 1936 und war ein bedeutender deutscher Soziologe neben Max Weber und Georg Simmel der wichtigste in der Frhzeit der Soziologie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhun-dert. Sein Buch Gemeinschaft und Gesellschaft ist das erste explizit als soziologisch ausgewiesene Grundlagenwerk des Faches. Die erste Auflage erschien 1887, aber erst die zweite Auflage 1912 wurde zum Erfolg, weil mittlerweile die Jugendbewegung zu jener Zeit, die nach Gemeinschaft suchte, dieses Werk populr machte. 110 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Tnnies stellte dem Konzept der Gemeinschaft dasjenige von Gesellschaft gegenber. Bei Gemeinschaft handelt es sich um ein romantisches, rckwrts gerichtetes Konzept, welches die positiven Aspekte der Gemeinschaft vorindustrieller Prgung den negativen Folgen der Industrialisierung gegenberstellt, die sich im Bild der Gesellschaft bndeln. Ungefhr zur gleichen Zeit nmlich 1893 hatte der franzsische Soziologie mile Durkheim (1858-1917) sein Werk ber die Teilung der sozialen Arbeit De la division du travail social verfasst. Die moderne Industriegesellschaft so fhrte Durkheim aus unterscheide sich von anderen Gesellschaften durch die Arbeitsteilung. Durch die Arbeitsteilung nmlich und die daraus resultierende Spezialisierung seien die Menschen aufeinander angewiesen. Daraus ergeben sich zwei Formen von Solidaritt: die mechanische und die organische Solidaritt. Die mechanische Solidaritt sei die ltere Form, die fr so genannten segmentre Gesellschaften typisch sei. Diese Gesellschaften seien weniger gegliedert und wrden durch Traditionen, Sitten und Sanktionen zusammen gehalten. 111 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Die organische Solidaritt zeichnet sich durch kontraktuelle Strukturen aus, in die Menschen in unterschiedlicher Form eingebunden sind. Auch Durkheim sah also im damaligen Zustand der europischen Gesellschaften zwei Arten, wie Menschen miteinander verbunden sind. Der grundlegende Unterschied liegt jedoch in der Beurteilung der damaligen Strukturen. Bei Tnnies wirkt die Einschtzung der neuen Strukturen negativ (zumindest knnen seine Ausfhrungen so gelesen werden) und er bezeichnete die lteren Bedingungen der Gemeinschaft als quasi-organisch, whrend die moderne Gesellschaft quasi-mechanisch sei. Fr Durkheim wiederum war es genau umgekehrt, denn er sah die neueren Entwicklungen positiv. Fr ihn waren die historisch lteren Formen mechanisch, whrend er die jngeren als organisch bezeichnete. Beide Autoren hatten den lang andauernden Prozess sozialen Wandels auf zwei relativ statische Typen reduziert. Durkheim hatte aber wenigstens eine Entwicklung anzudeuten versucht, in dem er die Verbindung zwischen den beiden Typen darin sah, dass sie verschiedene Stufen der Arbeitsteilung darstellten. 112 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Seit damals, so schreibt Norbert Elias, blieb die Verwendung des Begriffes Gemeinde bis zu einem gewissen Grad mit der Hoffnung und dem Wunsch verbunden, noch einmal die geschlosseneren, wrmeren und harmonischeren Formen von Verbindungen zwischen Menschen wiederzubeleben, die vage frheren Zeiten zugeschrieben werden. Gemeinde wurde gleichgesetzt mit gutem Leben und in irgendeiner Form von Gemeinde mchte auch jeder Mensch leben. Als Resultat dieser Einstellung entstand eine Vermischung von empirischen Beschreibungen, was Gemeinde ist, und normativer Festschreibung, was sie sein sollte; sie ist sowohl ein sozialwissenschaftliches als auch ein moralisches Konzept. Um diesem Dilemma zu entgehen, wurde vorgeschlagen, den Begriff Gemeinde durch den der Lokalitt zu ersetzen und die wechselseitigen Beziehungen von sozialen Institutionen in spezifischen Lokalitten zu untersuchen. Die Problematik dieses Vorschlages liegt jedoch darin, dass Gemeindestudien damit immer an eine Lokalitt gebunden wren, was jenen nicht an die Lokalitt gebundenen Faktoren von Gemeinde nicht gerecht wird.

113 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Ein besonders eindrckliches Beispiel dafr liefern die Forschungen von Robert Redfield und Oscar Lewis, die beide den mexikanischen Ort Tepoztlan untersucht hatten. Redfield fhrte 1926 Feldforschungen in dem mexikanischen Ort Tepoztlan durch, einer von Indianern und Mestizen bewohnten Gemeinde in der Nhe von Mexiko-Stadt. Sein Akzent lag auf der Untersuchung des Lebens und Zusammenlebens der Einwohner, fr das auch die Auenkontakte vor allem zur nahe gelegenen Grostadt von Bedeutung waren. Entsprechend seinem Konzept von der kleinen Gemeinde schrieb Redfield diesem Ort positive Eigenschaften wie Ganzheitlichkeit, Homogenitt und Solidaritt zu.

Redfield hatte nmlich ein Konzept des so genannten folk-urban Kontinuums entwickelt. Bei der Folk-Community, als die er auch Tepoztlan verstand, handelt es sich um einen Idealtypus von Gesellschaft, der den entgegen gesetzten Pol zu Stadtgesellschaft beschreiben soll. 114 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Oscar Lewis wiederum hat 17 Jahre nach Redfield mit einem ganzen Forschungsteam umfangreiche Forschungen in Tepoztlan durchgefhrt und konnte viel mehr Daten gewinnen als Redfield zuvor. Ein Resultat dieser und anderer Forschungen war brigens sein Konzept einer Kultur der Armut. Lewis widmete sich in Tepoztlan jedenfalls auch jenen Bereichen wie Demographie, das Landproblem, die Systeme der Landwirt-schaft, die Verteilung des Wohlstands, zwischenmenschliche Bezie-hungen etc., die Redfield nur kurz angesprochen hatte. Insgesamt kommt Lewis zu einer vllig anderen Einschtzung des Ortes wie Redfield. Wo Redfield wie gesagt die harmonischen Aspekte des Zusammenlebens hervorhob, fand Lewis 17 Jahre spter Armut, Auseinandersetzungen und Misstrauen. Redfield zweifelte die Ergebnisse von Lewis nicht einmal an, sondern gestand ein, seine Einsichten seien seinem Glauben geschuldet, dass das Leben in kleinen Gemeinden besser sei. Dies ist ein Beispiel dafr, wie ein Forscher den Fakten, die ihren Modellen widersprechen, unzugnglich sind, wenn sie von auerwissenschaftlichen Einstellungen geleitet werden. 115 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Dieses hier skizzierte Dilemma, dass Gemeinde im Sinne von Gemeinschaft etwas Positives sei, zeichnet viele Gemeindestudien aus

dem Umkreis der Europischen Ethnologie aus. Dabei ist Gemeinschaft hufig als ein traditionelles Gesellschaftsideal verstanden und dort vorausgesetzt worden, wo sie gar nicht vorhanden war ein Bezugsrahmen fr die Annahme traditionsgeleiteter Einheiten, in denen soziales Geflle, Desintegration und vor allem gesellschaftliche Binnenkonflikte kein Thema waren (Gyr). Dem gleichen Problem unterliegen jene Studien, die den positiven Zuschreibungen die negativen Charakterisierungen entgegenhalten. Martin Bulmer warf die Frage auf, ob die groe Nhe innerhalb von Gemeinden zur machtvollen Kontrolle ber alle Mitglieder fhren kann. Um diese Positionen berwinden zu knnen, unterbreitete Hermann Bausinger den Vorschlag einer Perspektivenverlagerung und sprach von der Einheit des Orts: Whrend der Ausdruck drfliche Einheit unwillkrlich die Assoziation der Einigkeit weckt und damit der Vorstellung des in allen Teilen abgestimmten, geschlossenen Organismus nahekommt, steckt die Bezeichnung Einheit des Orts zunchst lediglich einen Raum ab, in dem sich das Geschehen vollzieht. Dieses Geschehen umfat sehr verschiedene Charaktere, sehr verschiedene Handlungen, er schliet Konflikte und Spannungen ein. 116 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Laurance Wylie Dorf in der Vaucluse. Der Alltag einer franzsischen Gemeinde (1957) Wylie war ein Romanist, der spter auch Anthropologie studierte. Im Jahr 1950 entschied er sich, ein Jahr mit seiner Familie in Sdfrankreich, im Ort Peyrane in der Vaucluse, zu leben. Er wollte dort Feldforschung betreiben, um Genaueres ber den Alltag und die Wurzeln der Franzosen zu erlangen. Ziel war die Zustandsbeschreibung des Lebens in einem franzsischen Dorf, die Darstellung von lebenden Personen im Rahmen einer systematischen Beschreibung ihrer Kultur. Peyrane, es handelt sich um ein Pseudonym, das Wylie in einer spteren Auflage seines Buches gelftet hat es handelt sich um den Ort Roussillon. Peyrane liegt ca. 80 km nrdlich von Marseille und 20 Kilometer stlich von Avignon; es hatte zum Zeitpunkt der Untersuchung ca. 750 Einwohner. Ausgesucht hatte Wylie den Ort, indem er Mittelwerte aus den Departments erhoben hatte bezglich Wohlstand, Infrastruktur, Landnutzung usw. Der Ort sollte keine auergewhnliche Lage haben (also Isolation oder Grostadtnhe) und es sollte keine Dominanz eines einzelnen Arbeitgebers geben (z.B. Bergwerk). 117 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Wylie fuhr in den Ort, sondierte die Umgebung und mietete dann ein Haus im Ortskern, wo er sich mit seiner Familie niederlie. Er versuchte sich in das Gemeindeleben zu integrieren, indem er in der Grundschule, in die sein ltester Sohn ging, Englisch unterrichtete und indem er als Gemeindechronist und als Fotograf ttig wurde. Die Menschen beeindruckte, dass der Aufenthalt von Wylie durch einen Forschungsurlaub und Forschungsstipendien ermglicht wurde. Wylie meinte dazu: Sie erhhten in diesem Dorf den Respekt vor der Zivilisation mehr, als es irgendeine Propaganda vermocht htte. Wylie beginnt seine relativ deskriptive, aber doch einfhlsame Schilderung des Ortes mit der historischen Entwicklung der Wirtschaft. Neben der Landwirtschaft lebte man in Peyrane bis ins 19. Jahrhundert von der Seidenraupenzucht und von der Gewinnung von rotem Farbstoff aus der Wurzel der perance. Die Hfe in Peyrane waren aufgrund der Erbteilung ziemlich klein. Der Zweite Weltkrieg stellte eine Zsur dar, wobei Wylie psychologische und wirtschaftliche Nachwirkungen benennt. Wirtschaftlich gab es eine Stagnation und Abwanderungsprozesse. Die Notsituation fhrte dazu, dass die Menschen illegale Geschfte mit Mangelwaren betrieben und auf dem Schwarzmarkt aktiv wurden. Psychologisch herrschte Pessimismus und die Menschen versicherten Wylie immer wieder, er htte vor dem Krieg kommen mssen. 118 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Die wirtschaftliche Grundlage zu Wylies Zeit bildete fast ausschlielich die Landwirtschaft: Export von Obst und Gemse (Kirschen, Erdbeeren, Oliven, Spargel und Tomaten). Dazu kam noch der Abbau von Ocker. Insgesamt war die Wirtschaft von Peyrane nach Wylie sehr kompliziert. Das Einkommen und staatliche Untersttzung stellen bei weitem nicht das ganze Einkommen einer Familie dar. Es gibt viele zustzliche Mglichkeiten dies zu erhhen. Die Zahl der Transaktionen Warentausch und Dienstleistungen ist so gro und ihre Beschaffenheit so undurchsichtig und kompliziert, dass eine genaue bersicht der Wirtschaft von Peyrane unmglich ist. Die Infrastruktur des Ortes sah so aus, dass es relativ gute Straen gab, aber nur an drei Tagen der Woche eine Busverbindung nach auen bestand. Es gab keine WCs, keine Kanalisation, keine Abfallentsorgung und keinen vollstndigen Anschluss ans Stromnetz. Es gab weder einen Arzt noch Polizei, auch fast keine Telefone. Die Massenmedien waren unbedeutend. Der soziale Mittelpunkt des Ortes war le bourg, der Marktflecken. Das war der Dorfkern mit dem Caf als Informationszentrum. Dort waren auch Lden, das Rathaus, die Schule, die ffentlichen Waschrume, die Kirche und der Bouleplatz. 119 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Was die Religion anbelangt gab es nur 5% aktive Katholiken, meist ltere Frauen. Unter den politischen Parteien war die Kommunistische Partei Frankreichs am strksten, die laut Wylie als Protestpartei gewhlt wurde und fast 50% der Stimmen erhielt, die Sozialisten waren ebenfalls stark, aber die Konservativen schwach. Ein gutes Gemeindemitglied musste srieux, also seris, sein. Damit ist gemeint: zuverlssig, berechenbar, gewissenhaft, fleiig, erwachsen (worunter verheiratet verstanden wird), respektiert und respektierend, integriert in seine Familie. Auerdem sollte er einige Freunde haben, aber auch Gegner. Die Kinder sollten sage, also artig, sein. 13- und 14jhrige, die aus der Schule kommen, wrden die gesellschaftlichen Regeln am besten beherrschen, meint Wylie. Sie stellten die am besten angepasste Gruppe im Dorf dar. Danach folgt der Wandel zum Erwachsenen. Whrend die Kinder diszipliniert werden, wird den Jugendlichen zugestanden, ber die Strnge zu schlagen und sich auszutoben, ehe sie dann zu serisen Erwachsenen werden. In der Erziehung gibt es auch einen Gruppendruck; die Eltern sind dominant. Kinder, die sich schlecht benehmen, werden lcherlich gemacht, wodurch Scham erzeugt wird.

In der drflichen Kommunikation ist Klatsch extrem wichtig; darber werden Neuigkeiten ebenso verbreitet wie Gerchte. 120 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Zum Klatsch gehrt, dass es eine Idealvorstellung davon gibt, wie jemand zu sein habe. Diese Idealvorstellung wird aber von niemanden erreicht, weshalb diese Abweichung stets zum Gesprchsstoff wird. Geschenke werden nicht gerne angenommen, wenn Menschen nicht in der Lage sind, Gegengeschenke zu machen. Wylie wollte sich beispielsweise eine Fotografie nicht bezahlen lassen und das Gleichgewicht wurde erst wieder hergestellt, als der Fotografierte sich mit Eiern revanchiert hatte. Die Peyraner haben vor allem Angst, was von auen kommt das ist fr sie gefhrlich, anonym, unangreifbar, bermchtig. Die massivste Bedrohung ist fr sie der franzsische Staat und die franzsische Regierung mit ihren Erlassen. Der Staat, die Verwaltung und die Auenwelt bedeuten fr die Menschen in Peyrane Ausbeutung und Manipulation des Einzelnen. Die Gesetze werden als unflexibel und restriktiv wahrgenommen, weshalb man sich gegen auen abschottet. Dagegen werden die Familie, Freunde und Beziehungen als Sttze angesehen. Gleichzeitig haben sie aber auch ein generelles Misstrauen untereinander. Jeder erachtet den anderen prinzipiell als feindselig, weil er davon ausgeht, dass ihn die anderen ebenso feindselig betrachten wie er sie. Es gibt ein groes Potential an Konflikten unter der

Bevlkerung, das Zerstrittensein ist ein wichtiger sozialer Faktor. 121 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Gruppenbildungs- und Identittsbildungsprozesse finden ber Institutionen und Organisationen statt: die Freiwillige Feuerwehr, der Jagdclub und die Genossenschaften, wo sich die Menschen nach Interessen, Berufssparten oder auf der Basis von Freundschaften zusammenfinden. Im Caf gibt es auch einige Unterhaltungsmglichkeiten, die stark zu einer mnnlichen Gruppenbildung fhren etwa Boule oder das Kartenspiel Belote. Vernderungen gegenber ist man sehr misstrauisch, obwohl sie stndig passieren. Wylie stellte fest, dass sich vor allem das Wertesystem langsamer wandelt als die wirtschaftlichen Verhltnisse. Wylie versucht, einen umfangreichen berblick ber den Alltag in diesem Dorf Peyrane zu geben. Dabei ist die Studie besser zu lesen, als die Wiedergabe der zentralen Erkenntnisse vermuten lsst. Auf den ersten Blick hat Wylie mit Peyrane eine recht homogene, komplexe und geschlossene Gemeinschaft beschrieben, die eine bersichtliche Binnenstruktur und eine klare Abgrenzung nach auen hin aufweist. Bei genauerer Lektre ergibt sich jedoch ein viel differenzierteres und komplizierteres Bild. Dennoch ist hat die synchrone Vorgehensweise ihre Tcken, weil alles so zeitlos gltig erscheint. 122 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Wylie hat aber, weil es ja bis 1957 dauerte, ehe das Buch fertig war und publiziert werden konnte, in einem Nachwort bereits erste Vernderungen angedeutet. William Foote Whyte: Die Street Corner Society. Die Sozialstruktur eines Italienerviertels. Berlin New York: Walter de Gruyter 1996 (11943). Cornerville ist ein Slumviertel einer amerikanischen Grostadt Whyte hat in der dritten Auflage offenbart, dass es sich um das North End von Boston handelte. Cornerville wird fast ausschlielich von italienischen Einwanderern und deren Nachkommen bewohnt. Cornerville ist als Slum ein Problem fr die Stadt und wird nur unter Krisenszenarien hohe Arbeitslosigkeit, geringe sanitre Standards, hohe Kriminalittsrate etc. wahrgenommen. Solche Bilder haben aber den Nachteil, keine menschlichen Individuen zu zeigen. Um wirklich ein detaillierten Einblick zu erlangen, msse man in Cornerville leben und am Leben der dortigen Menschen teilnehmen, meint Whyte. Um spektakulre Ereignisse wie Verbrechen etc. zu verstehen, msse man sie im Verhltnis zu den Alltagsstrukturen des Lebens sehen denn das Leben in Cornerville hat fr Whyte eine Struktur. 123 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Nach einer kurzen Schilderung der Geschichte der italienischen Einwanderung stellt Whyte fest, dass die in Amerika geborene Generation eine eigene Gesellschaft aufgebaut hat, die nicht mehr nach den Regeln der Elterngeneration funktioniert. Bei den jngeren Mnnern unterscheidet Whyte zwei Hauptkategorien: die corner boys und die college boys. Die corner boys, die Eckensteher, sind Gruppen von jungen Mnnern, deren Aktivitten sich an bestimmten Straenecken konzentrieren und in den umliegenden Billlardsalons, Clubs, Imbistuben. Sie sind in ihrer Altersgruppe die unterste Stufe der Gesellschaft und stellen zugleich die Mehrheit der jungen Mnner in Cornerville. Nur wenige haben die High School abgeschlossen, viele sind sogar aus der Schule ausgestiegen. Whrend der Wirtschaftskrise waren viele von ihnen arbeitslos oder unregelmig beschftigt. Die college boys sind eine kleine Gruppe junger Mnner, die sich durch eine bessere Ausbildung ber die Stufe der corner boys erhoben haben und die den sozialen Aufstieg versuchen. Anhand von Doc und seiner Eckenstehergang und Chic und seinem college boys-Club will Whyte die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen erklren. 124 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Beide seien jedoch kleine Nummern in Cornerville, die groen Tiere seien Gangster und Politiker. Das Gangstertum und die politischen Organisationen durchdringen die Gesellschaft von Cornerville von oben bis unten, verknpfen sich miteinander und bilden den gemeinsamen Hintergrund fr einen groen Teil des Lebens im Bezirk. Im ersten Teil der Arbeit widmet sich Whyte den corner boys und den college boys. Doc war der Kopf der Nortons, einer Gang aus der Norton Street. Doc hatte aufgrund einer Kinderlhmung einen verkmmerten linken Arm, den er allerdings so trainierte, dass er ihn einigermaen gebrauchen konnte. Doc erzhlte Whyte, wie er sich durch Prgeleien, Schnelligkeit und Cleverness seine Position erarbeitete nach Whyte war Doc fr seine Intelligenz wie fr seine Ausdrucksfhigkeit geachtet. Als Whyte zu den Nortons kam, war Doc 29 und der Rest der Gruppe zwischen 29 und 20. Neben Doc spielten Mike (29) und Danny (27) eine fhrende Rolle, Long John nahm eine Sonderposition ein, weil er zu Fhrungsgruppe gehrte, aber keinen Einfluss auf die Gangmitglieder hatte. Die restlichen neun Mitglieder der Nortons nennt Whyte followers. Whyte beschreibt die Funktionsweise der Gruppe, die Hierarchien und Unterordnungen. Er schildert die Gang ziemlich ausfhrlich bis zu ihrem endgltigen Auseinanderbrechen. 125 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Chick Morelli verkehrt mit seinen college boys im Italian Community Club, in dem auch die corner boys einige Zeit verkehrt hatten. Chick kam im Alter von acht Jahren nach Boston, wo sein Vater zwei Lden betrieb, allerdings starb, als Chick noch ein Junge war. So mussten die Lden aufgegeben werden und die Familie fristete ein krgliches Dasein. Chick zeigte aber so etwas wie Aufstiegswillen, ging immer irgendwelchen Jobs nach und schaffte die Highschool und die Aufnahme ins College. Schlielich gelangt er sogar in eine relativ renommierte Universitt, wo er Jura studiert. Chick grndet mit einigen Freunden den Italian Community Club, der den Aufstiegswillen und das Selbstbewutsein der gebildeteren jungen Italiener bezeugen sollte. Sie wollen den hervorragenden Beitrag der Italiener zur Weltkultur und sich selbst als einen entscheidenden Bestandteil der amerikanischen Nation verstehen. Gesellschaftliche Verbindungen zu Leuten von intellektuellem Niveau sollen aufgebaut werden und das eigene Viertel sollte die eigenen Bildungsmglichkeiten verbessern und die lokalen Interessen gezielt wahrnehmen. Whyte schildert sehr genau die Auseinandersetzungen um verschiedene Vorhaben, um Wahlen etc. 126 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Die Nortons und der Italian Community Club waren auf unterschiedlichen sozialen Ebenen angesiedelt und auf vllig unterschiedlicher Grundlage organisiert. Gleichwohl waren sie fr Cornerville reprsentativ, vor allem die Aussagen ber die Nortons wrden fr viele Straengangs gelten, dem Community Club vergleichbare Klubs gab es nicht so viele. Die informelle Gang hatte weder Satzung noch Statuten, Entscheidungen grnden auf informellen Verbindungen und werden selbst dann vorab informell getroffen, wenn sie nachtrglich einer formalen Abstimmung unterliegen. Das Nachbarschaftszentrum und die Sozialarbeiter spielten im Leben der Mnner beider Gruppen eine bedeutende Rolle. Diese Sozialarbeiter konnten kein Italienisch, sie hatten kein fundiertes Wissen ber die sozialen Verhltnisse in der italienischen Heimat ihrer Klientel und sie trachteten nur nach der Durchsetzung ihrer eigenen Mastbe. Die Sozialarbeiter waren weder bei den Nortons noch beim Community Club beliebt. Im Kapitel Loyalitt und soziale Mobilitt berichtet Whyte zunchst, wie die college Boys vorangekommen sind und die corner boys nicht. Chick macht eine politische Karriere und wrde auf diesem Weg auch die corner boys als faul und unkooperativ bezeichnen, ebenso wie dies die Sozialarbeiter tten. 127

Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Zu den am eifrigst gepflegten demokratischen Glaubensartikeln ge-hre nach Whyte, dass in unserer Gesellschaft Intelligenz und Fhig-keit an die Spitze gelangen. Aber offensichtlich lassen sich die unterschiedlichen Karrieren von Chick und Doc nicht mit einem Unter-schied an Intelligenz und Begabung erklren. Deshalb msse es eine andere Erklrungsmglichkeit geben. Eine Erklrung liegt in der Bildung, dass also ein Collegestudium fr den sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung auerordentlich wichtig ist. Aber die college boys waren schon als Jungs anders, meint Whyte. Das Modell sozialer Mobilitt in Cornerville lasse sich am besten be-greifen, wenn man es mit dem Modell der Verhaltensweisen der cor-ner boys kontrastiert. Einer der bedeutendsten Unterschiede ist das Verhltnis zu Geld. Der college boy kommt aus einer konomischen Welt, die vom Spa-ren und Investieren geprgt ist. Die corner boy gehrt einem kono-mischen System an, wo das Geldausgeben die grte Rolle spielt. Der college boy spart, um seine Ausbildung zu finanzieren und seine geschftliche oder berufliche Karriere in Gang zu bringen zu. Des-halb kultiviert er die Mittelschichttugend der Sparsamkeit. Der corner boy muss sein Geld mit anderen teilen, vor allem wenn er eine ranghohe Position in der Gang besetzen will, wobei dies unbewusst stattfindet. Prestige und Einfluss hngen teilweise vom grozgigen Umgang mit Geld ab. 128

Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Ein weiterer Unterschied lsst sich an Chick und Doc manifestieren. Chick beurteilte Menschen nach ihrer Fhigkeit vorwrts zu kommen. Doc beurteilte sie nach ihrer Loyalitt ihren Freunden gegenber und nach ihrem Verhalten in persnlichen Beziehungen. Whyte erklrt in seinem Buch aber auch noch die Politik und das organisierte Verbrechen in Cornerville, die Rolle der Polizei etc. Whyte zeigt die Interdependenzen und Abhngigkeiten innerhalb der Gangs, der Einzelne ist dabei nicht so wichtig wie die Gang. Alle Institutionen von Cornerville die Gangs, die Syndikats- und Po-lizeiorganisationen, die politische Organisation und die soziale Struk-tur stellen eine Hierarchie persnlicher Beziehungen dar, die auf ei-nem System gegenseitiger Verpflichtungen beruhen. Die Street Corner Society ist vor allem auch methodisch ein groartiges Werk. Mit der notwendigen Empathie verfat, mit Respekt fr die untersuchten Personen und mit der notwendigen Reflexivitt, was die eigene Rolle im Feld anbelangt. An diese Beispiele soll nun noch einmal mit einigen berlegungen dazu angeknpft werden, welche Rolle Community Studies in der sptmodernen Forschungslandschaft noch spielen knnen.

129 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Conrad M. Arensberg hat die Unterscheidung getroffen, Gemeinde entweder als Objekt oder als Paradigma zu verstehen. Wird die Gemeinde selbst zum Forschungsobjekt, so Arensberg, dann zielen die Fragen alle auf die Natur der Gemeinde als Gegenstand eigener Art hin. Auf der anderen Seite steht die hiervon deutlich unterschiedene Fragestellung, die die Gemeinde als ein Untersuchungsfeld oder Paradigma betrachtet, innerhalb dessen etwas anderes als die Gemeinde selbst erforscht werden soll. Die Gemeinde soll dabei fr ein Ganzes die Gesellschaft oder die Kultur kennzeichnend sein. Viele klassische Gemeindestudien waren so konzipiert. Robert und Helen Lynds erfolgreiche Untersuchung Middletown. A Study in American Culture aus dem Jahr 1929 beispielsweise zielte nicht auf die Spezifik der untersuchten Stadt Muncie in Indiana, sondern wollte typisches amerikanisches Kleinstadtleben bzw. berhaupt amerikanisches Alltagsleben prsentieren. Sie schreiben, fr ihre Auswahl der Gemeinde waren zwei berlegungen entscheidend: (1) sollte die Stadt fr zeitgenssisches amerikanisches Leben so reprsentativ wie mglich sein, und (2)

sollte sie gleichzeitig kompakt und homogen genug sein, um eine so umfassende Studie durchfhrbar zu machen. 130 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Wollten die Lynds zunchst religise Vorstellungen und Praktiken untersuchen, so erkannten sie bald, dass dieses Phnomen nicht isoliert zu betrachten ist und die vielfltigen Beziehungen zu anderen sozialen Institutionen bercksichtigt werden mssen. Middletown diente ber Jahrzehnte hinweg als Vorbild fr andere Gemeindestudien und rief eine Reihe von hnlichen Studien auf den Plan. Sollte mit Middletown die amerikanische Kultur paradigmatisch erforscht werden, so verfolgte Lloyd Warner ein noch umfassenderes Ziel. Er wollte verschiedene Gesellschaften auf der Welt miteinander vergleichen und gleichzeitig anthropologische Techniken, die fr die Untersuchung einfacher Gesellschaften entworfen worden waren, auf moderne Gesellschaften anwenden. Sein Ziel war eine Taxonomie aller Gesellschaften. Mit einem Team untersuchte er in den 1930er Jahren den Ort Newburyport in Massachussetts nach allen Regeln der damaligen Anthropologie. Beeinflusst von Malinowski und Radcliff-Brown whlte Warner einen struktur-funktionalistischen Ansatz und verstand die Stadt als eine Art Organismus, in dem jeder Teil bestimmte Funktionen innehat. In seinem Programm stand Yankee City fr die amerikanische Gesellschaft sie war ein mikroskopisches Ganzes, das die gesamte amerikanische Community reprsentiert. 131

Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Diese Betrachtungsweise der Gemeinde als paradigmatisch fr grere Zusammenhnge wie Regionen, Staaten oder nationale Kulturen findet sich in vielen Gemeindestudien wieder, erfuhr aber sptestens seit den 1960er Jahren eine heftige Kritik. So sprach sich Norbert Elias gegen atomistische Traditionen aus, die die ganze Gesellschaft in kleine Teile zerlegen und damit wiederum das Ganze erklren wollen. Clifford Geertz meinte, diese Vorgehensweise habe der Sache der Anthropologie besonders geschadet. Das mikroskopische Modell (Jonesville-ist-die-USA), das die Welt in einem Sandkorn sieht, sei ein offensichtlicher Trugschlu. Die Vorstellung, man knne das Wesen nationaler Gesellschaften, Zivilisationen, groer Religionen oder hnliches in zusammengefasster und vereinfachter Form in so genannten typischen Kleinstdten und Drfern antreffen, ist schierer Unsinn. Diese Position sieht Gemeindeforschung als eine Methode, wie es Bjarne Stoklund hnlich wie Clifford Geertz fr die Europische Ethnologie ausgedrckt hat. Sein Anliegen ist, das Gemeindestudium als spezifisch ethnologische Methode zu beleuchten. Es geht also nicht um das Studium von kleinen Gemeinden, sondern um das Studium in den kleinen Gemeinden. Oder anders gesagt: Gemeinde als Mittel, nicht als Objekt.

132 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Diese Ausrichtung grenzt sich ganz klar gegen zwei Positionen ab. Einerseits wird das bereits genannte mikroskopische Modell verworfen, nach dem eine Gemeinde fr eine gesamte Kultur oder Gesellschaft steht. Zum anderen wird der Gemeinde als Forschungsgegen-stand eigener Art die Forschungsrelevanz abgesprochen. Allerdings ist diese zweite Position Perspektive im Lichte neuerer theoretischer Anstze nicht unproblematisch. Europische Ethnologen untersuchen in Gemeinden spezifische Probleme, die nichts mit der Natur einer Gemeinde zu tun haben. Darber hinaus gibt es aber kulturelle Spezifika von einzelnen

Gemeinden, die diese selbst als interessant erscheinen lassen. Schlielich sollte nicht vergessen werden, dass das Konstrukt Gemeinde Strukturelemente aufweist, die den Fokus einer Richtung von Gemeindeforschung ausmachen. Gemeindeforschung jedoch lediglich als eine Methode innerhalb der Ethnologie oder der Sozialwissenschaften zu begreifen, wirft ebenfalls Probleme auf. Fr welchen Gegenstandsbereich liefert uns diese Methode Erkenntnisse? Kann berhaupt von einer Methode gesprochen werden, wo innerhalb von Gemeindestudien ein ganzes Set von Erhebungstechniken zum Einsatz kommt 133 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Arensberg meinte, der Vorteil in der Anwendung der Gemeindeforschung ist die damit verbundene intensive Versenkung des Forschers in die innere komplexe Wirklichkeit der Gemeinde. Man ms-se in die Gemeinde fahren und lngere Zeit dort verweilen. Denn nur durch den Prozess der Feldforschung und der empirischen Beobach-tung knnen Beziehungen zwischen verschiedenen Phnomenen hergestellt werden. Fr die Soziologie und hier wieder fr den lange Zeit quantitativ

operierenden Mainstream meinte Hartmut Huermann, die Gemeindestudien haben durch den Ausbau sozialwissenschaftlicher Infrastruktur und die Entwicklung leistungsfhiger Datenverarbeitungstechniken an Bedeutung verloren. Anders liegt der Fall innerhalb der ethnologischen Disziplinen, die sich meist keinem quantitativen, sondern vielmehr einem qualitativen Paradigma verpflichtet fhlen, wo Fragen der Reprsentativitt und der messtechnischen Validitt keine Rolle spielen, sondern Theorie und Empirie in einem fortlaufenden Prozess weiterentwickelt werden. Unabhngig vom methodischen Paradigma bleibt das prinzipielle Problem, fr welche Bereiche die Gemeindeforschung Erkenntnisse liefern kann. 134 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung In der Gemeindeforschung muss zudem das Verhltnis von innen und auen bercksichtigt werden. Innen meint dabei die Gemeinde selbst, wie immer diese gestaltet sein mag. Auen meint alles, was nicht innerhalb der realen oder symbolischen Abgrenzungen einer Gemeinde selbst liegt. Wobei dazu gesagt werden muss, dass es auch innerhalb von Gemeinden Grenzen geben kann und gibt. Die Debatte ber die externen Einflsse auf lokale Gemeinden ist nicht neu, sondern gehrt seit lngerer Zeit zu den entscheidenden

Fragen der Gemeindeforschung. Daher sind auch viele Kritikpunkte, die heute am Konzept der Gemeindeforschung gebt werden, vllig berzogen, weil sie von einem simplifizierenden Idealtypus ausgehen, den es kaum einmal gegeben hat. Die Behauptung, Gemeindestudien wrden beispielsweise Drfer oder andere Einheiten als isolierte Entitten betrachten, ist eine dieser Kritikmythen, die kontinuierlich behauptet, ohne auf ihre Stichhaltigkeit berprft zu werden. Bereits 1960 hatte Hermann Bausinger dagegen argumentiert, Drfer als isolierte Gemeinden zu betrachten, die keine externen Einflsse gekannt htten. Er verweist auf die hohe Mobilitt, die es in Drfern immer schon gegeben hatte. Neben Handwerksburschen htten sich auch die Knechte und Mgde von Ort zu Ort bewegt, auch die buerlichen Gter wechselten oft ihre Besitzer. Nach Kriegen und Seuchen setzte starker Zuzug von auen ein. 135 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Politische, religise und konomische Beziehungen reichen ber eine lokale Ebene hinaus, meinte Jeremy Boissevain: Sie sind beeinflut von Beziehungen und Prozessen, die jenseits der Gemeinde auf regionaler, nationaler oder sogar supranationaler Ebene liegen. Ebenso hatte John Cole auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft fr Volkskunde 1977 betont, dass die Gemeinden, die wir studieren, der Schauplatz sind, auf dem viele verschiedene Einflsse zusammenkommen. Bei derselben Gelegenheit meinte Bjarne Stoklund, es msse

bercksichtigt werden, dass viele entscheidende Faktoren, die die Kultur determinieren, auerhalb der lokalen Gemeinde zu finden sind. Ein komparatives Studium von Gemeinden knne daher nicht ohne Rcksicht auf grere Zusammenhnge durchgefhrt werden. In einem berblick ber schweizerische Ortsmonographien fhrt Ueli Gyr zwei interessante Studien an. Die savoyische Hochgebirgsgemeinde Bessans etwa sei eine mobile Ortsgesellschaft, weil Teile der Bewohner traditionellerweise temporr in Paris als Taxichauffeure arbeiten. Und fr den Ort Vernamige wird nachgewiesen, wie das relative Gleichgewicht einer ehemals konomisch geschlossenen Einheit durch exogene Einflsse aufgelst ... und traditionelle Existenzweisen zugunsten urbaner Ansprche aufgegeben wurden. 136 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Innerhalb der Europischen Ethnologie war man sich also schon lnger im klaren darber, dass der Mikrokosmos Gemeinde fr sich nicht existiert. So meinte Orvar Lfgren: Im Mikrokosmos der Gemeinde bekommt man das Gefhl, berblick zu haben und eine Ganzheit ergreifen zu knnen. Allmhlich aber entdeckt man, dass diese Ganzheit nur scheinbar ist, und dass andere grere Zusammenhnge immer wieder in die lokalen Lebensformen hineingreifen. Die Grenzen der Gemeinde fangen an, sich aufzulsen. Ein anderes Problem liegt in der historischen Dimension, die bei Gemeindestudien hufig bersehen wird. Der britische Anthropologe A. Macfarlane meinte, die Verwendung von anthropologischen Methoden in der Gemeindeforschung habe zu einer Vernachlssigung der Geschichte gefhrt. Dadurch wrde ein falsches Bild der sozialen Beziehungen in kleinen Gemeinden gezeichnet, wobei Integration und soziale Kohsion dargestellt und

Konflikte, Wandel und Instabilitt ausgegrenzt wrden. Vor allem jene vom Funktionalismus beeinflussten Gemeindestudien konnten zwar die Strukturen innerhalb von Gemeinden zu einem gewissen Erhebungszeitpunkt herausarbeiten, die Prozesshaftigkeit von Kultur oder berhaupt Aspekte des kulturellen Wandels konnten so jedoch nicht erhoben werden. 137 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Das methodische Problem liegt nach Bjarne Stoklund darin, synchrone Strukturanalyse mit diachroner Prozeanalyse zu vereinigen. Dies ist methodisch kein leichtes Unterfangen, da es eine Verknpfung von anthropologischen mit historischen Methoden verlangt. Selbst wenn es aber gelingt, mit synchronen Querschnitten, die zu verschiedenen Zeitpunkten in einer Gemeinde durchgefhrt wurden, genauere Informationen ber verschiedene historische Zeitpunkte zu erhalten, gewhrleistet dies noch keinen genauen Einblick ber Verlufe und Ursachen von Wandelsprozessen, die komplexen Zusammenhngen unterliegen, fr die erst eine geeignete diachrone Perspektive geschaffen werden muss. Dennoch muss ein genauerer Blick auf Prozesse des Wandels versucht werden, um den hufig leichtfertig hingeworfenen Behauptungen, wie es gestern gewesen sei und morgen sein werde, eine

tief schrfende Analyse von Vergangenheit und Gegenwart in ihrer historischen Bedingtheit entgegenzuhalten. In den letzten 15 Jahren gab es viele Stimmen, die aufgrund der Globalisierung dafr pldieren, das Konzept der Gemeinde neu zu denken oder berhaupt zu verwerfen. 138 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Norbert Elias hat einen ntzlichen Vorschlag gemacht, wodurch sich lokal gebundene Gemeinden auszeichnen. Gemeinde ist fr ihn eine Gruppe von Haushalten, die am selben Ort angesiedelt und durch funktionale Interdependenzen miteinander verknpft sind, die strker sind als jene Interdependenzen, die sie mit anderen Menschen im weiteren sozialen Umfeld verbinden. Dabei hatte er durchaus im Blick, dass diese Interdependenzen Wandlungsprozessen unterlie-gen, weil die Modernisierungsprozesse die reziproken Abhngigkei-ten von Menschen verndert haben. Diese Perspektive ist insofern hilfreich, als sie von uns nicht von vornherein die Annahme verlangt, unter den Bedingungen der Globalisierung wrde die Lokalitt oder die Gemeinde keine Rolle mehr spielen. Dabei geht es keineswegs darum, Phnomene der Entrumlichung zu leugnen, aber mit Arjun Appadurai wre zu fragen: Was bedeutet rtlichkeit als gelebte Erfahrung innerhalb einer globalisierten, entrumlichten Welt? Fr den Geograph Andrew Kirby ist der Ort in den sozialen Beziehungen nach wie vor von zentraler Bedeutung. Der Ort ist die Are-na, in der Ressourcen genutzt werden (Wohnung, Bildung und ande-re ffentliche Leistungen), und folglich sind die politischen Kmpfe um den Zugriff auf diese Ressourcen (zwischen Rassen, Klassen oder Homo- und Heterosexuellen) Ausdruck der Vitalitt lokaler sozialer Beziehungen.

139 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Roland Robertson versucht der Problematik mit dem Begriff Glokalisierung beizukommen, der nach einem japanischen Vorbild bernommen wurde, mit welchem ursprnglich das Prinzip bezeichnet wurde, landwirtschaftliche Techniken an lokale Umstnde anzupassen. Dies wurde im Geschftsleben adaptiert und meint dementsprechend die Anpassung einer globalen Perspektive an lokale Umstnde. Dabei habe die Globalisierung die Wiederherstellung, in bestimmter Hinsicht sogar die Produktion von Heimat, Gemeinschaft und Lokalitt mit sich gebracht. Diese Prozesse wrden mit dem Begriff der Glokalisierung am besten gefasst, weil damit sowohl der Idee einer Homogenisierung durch Globalisierung als auch der Idee, Lokalitt als eine Form der Opposition oder des Widerstandes gegen das hegemoniale Globale zu verstehen, widersprochen wird. Auf andere Weise betont Ulf Hannerz, dessen eigene Forschungen sich seit vielen Jahren mit transnationalen Phnomenen und mit dem Verhltnis lokaler Kulturen zu globalen Vernderungen beschftigt, die bleibende Bedeutung des Lokalen. Im Lokalen finden die Face-toface-Situationen und Langzeitbeziehungen zwischen Menschen statt, wobei diese Beziehungen einen hohen emotionalen Gehalt haben knnen. Dort knnen auch geteilte Bedeutungen in einem lngeren Prozess ausgehandelt werden. Im Lokalen gebe es auch gegenseitige Kontrolle, Abweichungen knnen informell aber wirkungsvoll sanktioniert werden. 140 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung

Norbert Elias betonte einmal die Rolle von Klatsch fr die Integration und Kontrolle innerhalb einer Gemeinde. Er geht sogar so weit zu meinen, eine Lokalitt verliere den Charakter einer Gemeinde, wenn die wechselseitige Unabhngigkeit von Menschen so gro ist, dass sie nicht mehr am lokalen Klatschaustausch beteiligt und somit der damit verbundenen Kontrolle oder irgendeiner Form kommunaler Kontrolle gegenber indifferent sind. Lokale Kultur, wie sie in einem Teil der Community Studies untersucht wird, kann so verstanden werden, dass wir einen konkreten Ort als eine Arena annehmen, wo sich die Bedeutungswelten verschiedener Menschen kreuzen und neue Bedeutungen ausgehandelt werden. Wo diese Bedeutungswelten aufeinander stoen, so schreibt Ulf Hannerz, hat auch das Globale, das anderswo lokal gewesen ist, eine Chance, heimisch zu werden. Dies ist die besondere Bedeutung lokaler Kultur sie ist wichtig, aber nicht autonom. Sie ist zwar in gewissem Sinn an eine Lokalitt geknpft, aber sie reagiert auch im Lokalen auf berlokale Kontexte. Das Entscheidende jedoch ist, dies hat seine Auswirkungen im Lokalen, fr Menschen, die an einem konkreten Ort leben, auch wenn diese Menschen ber vielfltige Beziehungen verfgen, die

ber diesen Ort hinausweisen. 141 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Gemeindestudien knnen auch unter den Bedingungen, die in sptmodernen komplexen Gesellschaften herrschen, sinnvoll sein: 1. Gemeinde darf nicht als ein Mikrokosmos verstanden werden, der isoliert fr sich selbst funktioniert. Gemeindeuntersuchungen mssen so konzipiert werden, dass an konkreten Orten Aspekte erforscht werden, die ber die Lokalitt hinausweisen. Hier treffen globale kulturelle Flsse auf spezifische Gegebenheiten und erfahren so jene Differenzierungen, die die Dynamik kultureller Prozesse ausmachen. Das bedeutet keineswegs, dass es nicht auch andere Untersuchungsformen und -bereiche gibt, mit und an denen kulturanthropolgische Themen sinnvoll erforscht werden knnen. Selbstverstndlich kann die Komplexitt des Zusammenspiels kultureller Flsse, verschiedener Bedeutungsebenen und konkreter Praktiken heute nicht allein in einzelnen lokal gebundenen Gemeindestudien erforscht werden. Sollen transnationale Gemeinschaften in den Blick genommen werden, dann sind Formen mobiler Feldforschung an unterschiedlichen Orten unerlsslich. Hier interessiert allerdings, wie sich Vernderungen, die durch globale Prozesse angestoen werden, in einer konkreten Gemeinde niederschlagen. 142 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung 2. Ich glaube, es gibt so etwas wie ein Ethos von Gemeinden. Diese Eigenart, die Gemeinden oder auch Stdte auszeichnen knnen und die sie unverwechselbar machen, hat Andrew Kirby zu folgender Feststellung veranlasst: Die Kommunalpolitik von Houston unterscheidet sich von der von San Francisco, obwohl beide Stdte komplexe urbane Wirtschaftsrume sind, in denen dieselben Ziele der Wohlstandswahrung und politischer Stabilitt verfolgt werden. Darber hinaus gibt es unzhlige weitere Unterschiede in den religisen berzeugungen, in

den Einstellungen gegenber der wirtschaftlichen Entwicklung, in der Wohnsituation und Architektur sowie in den kul-turellen Praktiken, kurz gesagt: in all dem, was Clifford Geertz (1983) lokales Wissen genannt hat. Eine Gemeindestudie muss also nicht nur jene Aspekte bercksichtigen, die ber eine konkrete Gemeinde hinausweisen, sondern sie auch in ihrer Eigenart analysieren und darstellen. Ein Kennzeichen von Gemeinden ist auch eine Form von Zugehrigkeitsgefhl welches Menschen aus verschiedenen Grn-den zu einer Lokalitt entwickeln knnen. Diese Einzigartigkeit von kleineren soziokulturellen Gebilden in geeigneter Form zu repr-sentieren, gehrt nicht zu den schlechtesten Traditionen anthropo-logischer Forschung, obwohl dazu selbstredend auch der Blick ber die Grenzen der Gemeinde zhlt. 143 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung 3. Eine Gemeindeforschung neuer Prgung muss sich zudem davon verabschieden, ein holistisches Bild einer ganzen Gemeinde zu

vermitteln und eine zeitlose Perspektive zu entwerfen. Es wurde be-reits darauf verwiesen, wie problematisch die Unterscheidung von Gemeinde als Objekt oder Methode ist. Es gibt sinnvolle Grnde, beide Perspektiven im Auge zu behalten und zwar durchaus gleichzeitig. Es gilt vor allem der Prozesshaftigkeit der kulturellen Phnomene gerecht zu werden, indem man nicht nur synchrone Ausschnitte produziert, die dann im ethnographischen Prsens prsentiert werden und ein zeitloses Bild einer einzigen Realitt suggerieren. Es bedarf der Ergnzung durch eine diachrone Be-trachtungsweise, wofr historische Methoden und Materialien he-rangezogen werden mssen, damit sich die Perspektiven einer Ge-genwarts- und einer historischen Ethnographie verbinden knnen. 4. Den symbolischen wie realen Grenzen, die eine Gemeinde von ei-ner Auenwelt oder von verschiedenen Auenwelten trennen, muss besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Diese Grenzen dr-fen jedoch nicht als etwas Undurchlssiges verstanden werden, sondern als ein Raum oder ein Feld, in dem sich die Dinge vermi-schen und Neues entsteht. Gleichzeit muss auf die internen Grenz-ziehungen geachtet werden, denn Gemeinden sind nie harmonie-trchtige Gebilde ohne Stratifizierungsmerkmale, sondern sind unter anderem durch Hierarchien, Machtverhltnisse und verschiedene Gruppierungen geprgt. 144 Einfhrung in die Europische Ethnologie Gemeindeforschung Heute wird oft behauptet, lokale Identitt, Ansssigkeit und face-to-faceKommunikation spielten eine immer geringere Rolle und Gemeindeforschungen suggerierten oder konstruierten diesbezglich etwas,

was gar nicht mehr existiert. Dabei handelt es sich um einen voreiligen Abgesang an historisch entwickelte Lebenswelten. Die Reduktion von Komplexitt fhrt nicht nur auerhalb sondern auch innerhalb der Akademie zu Vorausurteilen. Sicherlich, wenn die Eu-ropische Ethnologie dahin tendiert, aus einer Schreibtischperspek-tive die kulturellen und sozialen Vernderungen in den europischen Gesellschaften zu untersuchen, dann mag der Eindruck entstehen, als lsten sich bisherige Relevanzsysteme vollstndig auf und die Menschen befnden sich in einem Zustand stndiger Mobilitt, und in einem Reich der Freiheit freiwillig gewhlter Verortungen und Identittskonstruktionen. Es soll nun nicht behauptet werden, Ph-nomene der Individualisierung, der Mobilitt und der Enttraditionali-sierung spielten keine Rolle, aber die Welt war schon immer komple-xer, als die Produzenten einfacher Wahrheiten und logischer Ent-wicklungsmuster uns glauben machen wollten. So knnen sich ver-meintliche Ungleichzeitigen als besonders berlebensfhig erwei-sen. Wenn wir erst einmal die eigene Lebenswelt und die Zitadellen der Metropolen verlassen, so finden wir im Lokalen eine Vielzahl von Vergemeinschaftungsund Identittsbildungsprozessen, die einer genaueren Erforschung durch die Europische Ethnologie harren, die damit zu einem komplexeren und realittsgerechteren Bild sozialer Wirklichkeit beitragen knnte. 145 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt

Identitt ist zweifellos ein wichtiger Begriff fr die Volkskunde und darber hinaus fr die Kultur- und Sozialwissenschaften. Identitt bedeutet zunchst einmal die bereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst, sein In-Sich-Gefestigt-Sein. Der Begriff Identitt ist zunchst vor allem in der Sozialpsychologie und in der Entwicklungspsychologie verwendet worden. In der Sozialpsychologie u.a. bei George Herbert Mead (1863-1931), dessen Anstze aber erst viel spter aufgegriffen wurden, als er sie geuert hatte. In der Entwicklungspsychologie war es der Psychoanalytiker und Psychotherapeuth Erik H. Erikson (1902-1994), der den Identitts-begriff verwendete und ber seine Disziplin hinaus popularisierte. Erikson kam als Sohn dnischer Eltern bei Frankfurt am Main auf die Welt. Nachdem sich seine Eltern schon vor seiner Geburt getrennt hatten, heiratete seine jdische Mutter spter einen jdischen Arzt. Erikson verlie Deutschland im Jahr 1933, um dann in den Vereinigten Staaten als Entwicklungspsychologe zu ressieren. Erikson beschrieb die Entwicklung der Ich-Identitt als einen langwierigen Proze. Er wurde mit seinem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung bekannt. Dieses Modell unterteilt die Entwicklung des Menschen von seiner Geburt bis zu seinem Tod in acht Phasen. 146 Phasen Psychosoziale

Krisen Radius wichtiger Beziehung. Grundstrken Kernpathologie/ Grundlegende Antipathien Ich-Erkenntnis I: Suglingsalter Grundvertr. / Grundmisstr. Mtterliche Person Hoffnung Rckzug Ich bin, was man mir gibt

II: Kleinkindalter Autonomie / Scham + Zweifel Eltern Wille Zwang Ich bin, was ich will III: Spielalter Initiative / Schuldgefhl Kernfamilie Entschlusskraft Hemmung Ich bin, was ich

mir vorstellen kann zu werden IV: Schulalter Regsamkeit / Minderwertigkeit Nachbarschaft/ Schule Kompetenz Trgheit Ich bin, was ich lerne V: Adoleszenz Identitt / Identittskonfusion Peer-Groups und fremde Gruppen Treue

Zurckweisung Ich bin, was ich bin VI: Frhes Erwachsenenalter Intimitt /Isolierung Partner, Freundschaft, Sexualitt, Wettbewerb, Zusammenarbeit Liebe Exklusivitt Ich bin, was mich liebenswert macht VII: Erwachsenenalter Generativitt / Stagnation Arbeitsteilung

und gemeinsamer Haushalt Frsorge Abweisung Ich bin, was ich bereit bin zu geben VIII: Alter Integritt /Verzweiflung Die Menschheit, Menschen meiner Art Weisheit Hochmut Ich bin, was ich mir angeeignet habe

147 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Eriksons Schlsselkonzept ist jenes der Identitt bzw. der IchIdentitt, die in jeder dieser Phasen durch Auseinandersetzung mit seiner Umwelt herausgebildet wird. Ein Schwerpunkt seiner Analyse, das ist durch die Stufen deutlich geworden, liegt bei der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, die zwischen Nachahmung und Abgrenzung von Erwachsenen changieren mssen, um eine Ich-Identitt ausbilden zu knnen. Bei Erikson vollzieht sich der kindliche Identittsaufbau rumlich, krperlich, psychisch, emotional und sozial. So lst sich das Kind aus der emotionalen Symbiose mit den Eltern und der Familie und integriert sich in die so genannten peer groups also Gleichaltrigengruppen. Diese Integrationsleistungen sind nach Erikson allerdings nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch in den weiteren Lebensabschnitten immer wieder ntig. Interessanterweise hat Erikson zwar mit dem Identittsbegriff gearbeitet und diesen auch fr sein Phasenmodell verwendet, aber er hat nie wirklich dargelegt, was er darunter versteht.

berhaupt ist es mit dem Identittsbegriff so, wie mit vielen anderen Begriffen, die uns hier beschftigen. Er ist etwas unscharf und wird zum Teil in unterschiedlicher Form verwendet. 148 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Gleichzeitig beinhaltet er bei aller Unschrfe ein konstitutives Merkmal und das ist seine soziale Dimension. Der Soziologe Anselm Strauss hat dies einmal gut zum Ausdruck gebracht: Identitt ist immer verbunden mit der schicksalhaften Einschtzung seiner selbst durch sich selbst und durch andere. Identitt konstituiert sich also, das haben wir ja auch in Eriksons Modell gesehen, durch Auseinandersetzung mit anderen Menschen. In dieser Auseinandersetzung hat das Individuum die Balance zwischen den eigenen Bedrfnissen und Erwartungen sowie den Erwartungen und Anforderungen der Anderen auszugleichen. Identitt ist somit zumindest auf individueller Ebene ein stndiger Balanceakt: Einerseits bedarf der Einzelne der Besttigung durch andere, um sich als identisch zu erfahren. Andererseits darf er den Erwartungen der Anderen nur in einem solchen Umfang entsprechen, dass er nicht in deren Erwartungen aufgeht, will er als eigenes Subjekt mit seiner Lebensgeschichte und seinen

Erwartungen und Bedrfnissen in der Interaktion zur Geltung kommen. Bei all diesen Ausbalancierungsbemhungen ist es dennoch so, dass der Begriff Identitt ein Moment von Ordnung und Sicherheit verkrpert inmitten eines stndigen Wandels und Wechsels. 149 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Insofern meint er aber auch nichts Festes und Starres, sondern ist durchaus elastisch. Der Begriff Identitt ist ein analytisches Konstrukt. Dieser Konstruktionscharakter bedeutet aber keineswegs, dass Identitt nicht direkt erfahrbar wre. Identitt ist z.B. als ein Gefhl der bereinstimmung des Individuums mit sich selbst und seiner Umgebung erfahrbar. Deutlicher noch ist es in seiner negativen Form wahrzunehmen nmlich im Bewusstsein oder Gefhl mangelnder bereinstimmung. Identitt bezeichnet die Fhigkeit des Einzelnen, um eine Aussage

von Hermann Bausinger zu zitieren, sich ber alle Wechselflle und Brche hinweg der Kontinuitt seines Lebens bewusst zu bleiben. In diesem Sinn kann man Identitt als ein Grundmuster verstehen, das die Menschen dazu anleitet, sich als soziales Wesen in seine Umwelt einzupassen. Einpassen meint aber nicht vollstndiges Anpassen. Vielmehr will das Individuum durch bereinstimmung ebenso wie durch Abgrenzung seinen spezifischen sozialen Ort finden. Dabei meint Identitt immer zweierlei: einerseits eine relativ konsistente Vorstellung von seinem sozialen Ich und andererseits einen Aushandlungsprozess ber diese Vorstellung. 150 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Die Vorstellung und die Aushandlungsprozesse enthalten dabei immer sowohl eher feste als auch eher verhandelbare Komponenten. Viele Formen geschlechtlicher, religiser und auch sozialer Identitt knnen blicherweise selten verndert werden, wenn es denn berhaupt gewollt wird. So gibt es zum Beispiel bezogen auf die Gesamtgesellschaft in Deutschland relativ wenige Menschen, die ihre geschlechtliche Identitt ndern mchten. Oder ein anderes Beispiel: Ab dem Zeitpunkt, wo man sich bewusst zu einer religisen Gemeinschaft bekennt, wird dieser Aspekt religiser Identitt ebenfalls seltener gewechselt. Und wie wir aus vielen Studien etwa zur Elitenforschung wissen, lsst sich auch unsere soziale Identitt weniger leicht wechseln, als wir das in unserer Leistungsgesellschaft vermuten. Dagegen gibt es bestimmte Wertvorstellungen, sthetische Stile oder altersbedingte Rollen, die zwar fr den Moment ebenfalls sehr stabil scheinen, um zu einem geschlossenen Selbstbild zu gelangen, die aber dennoch wandelbar sind und manchmal sogar kurzfristigen Vernderungsprozessen unterliegen. Viele Jugendstile darunter. Damit sind wir auch bei einer Schwierigkeit des Identittsbegriffs. Aus dem bisher Gesagten drfte deutlich geworden sein, dass wir von

einer personalen oder Ich-Identitt und einer kollektiven Identitt sprechen knnen. 151 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Ebenso deutlich drfte sein, dass die personale Identitt nicht unabhngig von der kollektiven Identitt betrachtet werden kann, sie sind miteinander verschrnkt. In dieser Unterscheidung zwischen personaler und kollektiver Identitt liegt eine der Ursachen, warum der Identittsbegriff in den letzten Jahren zunehmen unter Druck geraten ist. Eine andere Ursache liegt in den sich wandelnden Begrifflichkeiten in der Wissenschaftslandschaft. Stuart Hall spricht etwa von einer Krise der Identitt". Diese Krise, sei als Teil eines umfassenden Wandlungsprozesses zu sehen, der die zentralen Strukturen und Prozesse moderner Gesellschaften verschiebt. So wrden die Netzwerke unterminiert, die den Individuen in der sozialen Welt eine stabile Verankerung gaben. Aus diesem Grund sympathisiert Hall mit der These einer dezentrierten oder fragmentierten Identitt; diese ist nicht aus einer einzigen, sondern aus mehreren, sich manchmal auch widersprechenden oder ungelsten Identitten zusammengesetzt. In diese Richtung argumentieren viele weitere Autoren, unter denen

der Soziologe Zygmunt Bauman und der Sozialpsychologe Heiner Keupp, der bis vor kurzem an der LMU gelehrt hat, genannt seien. 152 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Identitt ist dabei noch dazu situationsabhngig. Die eigene Identitt mag zwar durch gewisse Verhaltensmassregeln und Identittsmerkmale vorbestimmt sein, aber ein konkretes Verhalten hngt immer von den Kontexten ab, in denen wir uns befinden. Zwar werden wir in irgendwelchen Gesprchssituationen kaum unsere geschlechtliche oder Altersidentitt grundstzlich in Frage stellen knnen und wollen. Aber wie wir Zge unseres Selbstbildes nuancieren, hngt von der jeweiligen Situation und auch davon ab, ber wie viel Verhaltensspielraum wir in solchen Situationen verfgen. Identitt bezieht sich also immer auch auf ein konkretes Aushandeln in konkreten Situationen. In solchen Situationen kann es jeweils unterschiedliche Zuordnungen und Bezge geben. Jeder soziale Ort weist seine eigene Struktur von Verhaltensregeln und Verhaltensspielrumen auf. Die Verhaltensregeln liegen relativ fest und mssen respektiert werden (vgl. Wolfgang Kaschuba: Einfhrung). Die Verhaltensspielrume sind relativ offen und knnen gestaltet werden. Deshalb ist die Herausbildung einer Identitt immer eine soziale Praxis, bei der allgemeine Regeln und Vorstellungen ber die eigene Identitt in konkretes Verhalten umgesetzt werden. Ein Beispiel fr die Situationsabhngigkeit von Identittskonstruktionen stammt aus der Gemeindestudie in der Sdweststeiermark, mit der ich die Vorlesung eingeleitet habe. 153 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt

Da unterhielten wir uns etwa mit dem grten Bauern im Ort, der uns erzhlte, wie er in dieser peripheren Lage versucht, wirtschaftlich Erfolg zu haben. Er ist besonders darauf bedacht, sein sterreichertum herauszustreichen. Dieses sterreichertum versteht er dabei als ein deutschsprachiges. Im Interview meint er unter anderem: Ja, ich habe von Grazern gehrt, dass das ein zweisprachiges Gebiet ist. Daher konnte ich es im Nachhinein fast nicht glauben, als ich hrte, dass seine Frau aus Slowenien stammt und Slowenisch seine Muttersprache ist. Seine Ziehmutter und deren Schwester stammen zudem beide aus dem slowenischen Teil Krntens und sprechen untereinander kaum ein Wort Deutsch. In unterschiedlichen Kontexten werden also unterschiedliche Rollen gespielt, was hufig problemlos vonstatten geht, manchmal aber zu greren Schwierigkeiten fhren kann. In diesen Situationen findet nmlich jeweils ein Aushandlungsprozess zwischen den Selbstbildern und den Fremdbildern statt und dabei handelt es sich um einen sehr komplizierten Balanceakt. Besonders deutlich wird das, wenn dieser Balanceakt nicht gelingt, wenn wir es also nicht schaffen, Fremdbild und Selbstbild unter einen Hut zu bekommen. Das passiert etwa, wenn Andere auf uns nicht entsprechend reagieren. 154 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt

Daraus knnen zwei Problemlagen entstehen. Einerseits ein Identittsverlust und andererseits beridentifikation. Der Identittsverlust kann bei existentiellen oder psychischen Krisen der Fall sein (Vgl. dazu und im Folgenden: Kaschuba, Einfhrung). beridentifikation dann, wenn ein zentraler Identittsbezug vllig in den Vordergrund rckt, wenn also jemand vllig von einem zentralen Identittsbezug abhngig wird. Etwa von einem bestimmten Krperlichkeitsbild oder von der Akzeptanz einer bestimmten Bezugsgruppe als besonders drastische Beispiele knnten hier Sekten oder nationalistische Bewegungen genannt werden. Aber auch in diesem Zusammenhang ist es wichtig, ob man die Frage der Identitt vom Individuum her denkt oder von einem Kollektiv. Vom Individuum her gedacht bedeutet Identittskrise eine intensiv erlebte Erfahrung grundlegender sozialer und kultureller Dissonanzen mit der gesellschaftlichen Umwelt. Der Begriff Identittskrise wird aber auch im Zusammenhang mit kollektiver Identitt oder kollektiven Identitten genannt. Etwa im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Vernderungsprozessen. Da werden Identittskrisen als Ausdruck jener Erfahrungen gedeutet, die in Form rasanten sozialen und kulturellen Wandels auf die Menschen zukommen: etwa durch globale Vernderungen von konomischer und technologischer Rationalitt oder durch eine zunehmende Entwurzelung durch Mobilitt und Migration. 155 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Verschiedene Kultur- und Sozialwissenschaftler haben sich in den letzten 15 bis 20 Jahren dazu geuert. George Marcus etwa hat den Tod der

Trope des Lokalen in der Anthropologie proklamiert (Trope ist in der Rhetorik eine Stilfigur, wobei fr einen Ausdruck ein verwandter bildhafter Begriff eingesetzt wird). Er meint, die Idee einer ortsgebundenen Produktion von Identitt sei nicht mehr lnger gltig, weil Identitt simultan an verschiedenen Orten hergestellt wrde, an denen Aktivitten stattfinden daher ja auch sein Konzept einer multi-sited Ethnography. Vom Subjekt her gedacht, mag diese Behauptung berechtigt sein, wie auch Stuart Hall argumentiert. Hall sieht die Entstehung eines postmodernen Subjekts, das ohne eine gesicherte, wesentliche oder anhaltende Identitt konzipiert ist. Identitt wird ein bewegli-ches Fest. Sie wird im Verhltnis zu den verschiedenen Arten, in de-nen wir in den kulturellen Systemen, die uns umgeben, reprsentiert oder angerufen werden, kontinuierlich gebildet und verndert. In eine hnliche Richtung tendieren die Ausfhrungen des britischen Soziologen Zygmunt Bauman: Der Existenzmodus der Subjekte sei gekennzeichnet durch unzureichende Bestimmtheit, Unabgeschlossenheit, Motilitt und Wurzellosigkeit. Die Identitt des Subjekts sei weder vorgegeben, noch werde sie autoritativ besttigt. Sie muss konstruiert werden, jedoch kann kein Konstruktionsentwurf als vorge-schrieben oder narrensicher gelten. Die Konstruktion der Identitt bestehe aus aufeinander folgenden Versuchen und Irrtmern. 156 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Trotz oder sogar wegen dieser Vernderungen gibt es Formen einer kollektiven Identitt, die hier noch etwas beleuchtet werden sollen. Clifford Geertz meinte einmal, dass kein Mensch in der Welt im allgemeinen lebt und dass jeder, sogar der Exilierte, der Getriebene, der

Diasporische (), in einem eingeschrnkten und begrenzten Ausschnitt davon lebt der Welt um einen herum. Ausgehend davon sind jene Schnittmengen fragmentierter persona-ler Identitten interessant, die wiederum ein Kollektiv ergeben. Zwar hat Hermann Bausinger schon vor mehr als zwanzig Jahren auf die Gefahr hingewiesen, dass hufig unreflektiert von Kollektividentitten gesprochen wird, aber er konstatierte eben auch, dieses Konstrukt Identitt sei als Gefhl der bereinstimmung des Individuums mit sich selbst und mit seiner Umgebung direkt erfahrbar. Viele Untersuchungen innerhalb der Europischen Ethnologie haben sich daher mit Fragen lokaler oder regionaler Identittskonstruktion auseinandergesetzt. Wenn man sich solchen Fragen lokaler oder regionaler Identittskonstruktion zuwendet, muss man sich auch der Gefahren bewusst sein, die ich schon im Zusammenhang mit den Gemeindestudien aufgezhlt habe. Etwa dass durch die Begrenztheit des rtlichen Erlebens durch einen Forscher, der sich an einem bestimmten Ort aufhlt, auch ein begrenzter Blickwinkel entstehen kann, der wichtige Dinge ausblendet: etwa die Auenbeziehungen. 157 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt

Damit wird nicht bestritten, dass territoriale Bindungen mit Identitt verknpft werden, sondern es werden Denkmuster hinterfragt, in denen Identitt und rumliche Bindung zwangslufig als Einheit gedeutet werden. Daher sollten Aspekte einer lokalen Identitt als eine Mglichkeit unter anderen Mglichkeiten verstanden werden, territoriale Zugehrigkeit und Identittskonstruktion zu verbinden. Dennoch: Der Dauerbrenner Identitt, wie es Konrad Kstlin ausgedrckt hat, spielt sich hauptschlich auf lokaler Ebene ab: in Gewohnheiten, im Dialekt, auf immer wieder gegangenen Wegen und landschaftlichem Bild basierend, bei Gerchen und Geruschen. Dieser lokale Raum ist fr die Menschen von zentraler Bedeutung, hier findet ein Groteil jener identittsstiftenden Interaktionen statt, die fr Menschen so bedeutsam sind. Dabei wird der Grundstein fr jene Diskursformationen gelegt, als welche Aleida Assmann kollektive Identitten sieht. Diese Identitten stehen und fallen mit jenen Symbolsystemen, ber die sich die Trger einer Kultur als zugehrig definieren und identifizieren. Lokale Identitt speist sich einerseits aus Quellen der Kommunikation und Interaktion, andererseits aus den Mglichkeiten, eigene Bedrfnisse z. B. nach Wohnen und Arbeit, nach der Teilhabe an politischen Entscheidungen, nach der Gestaltbarkeit usw. in der eigenen Lebensumwelt zu befriedigen. 158 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt

Einen besonderen Weg zur Erforschung und sogar berprfung lokaler Identitt beschritt die Kulturanthropologin Ina-Maria Greverus. Ausgehend von der Untersuchung von Dorferneuerungen, die mit den Modernisierungsprozessen seit den 1960er Jahren einhergingen, interessierte sie sich fr die Einstellung der drflichen Bevlkerung zu den Vernderungsprozessen. Sie rckte sowohl bei den Vernderungen als auch bei der Frage des Denkmalschutzes Fragen der Raumbezogenheit und der Raumorientierung von Menschen ins Zentrum ihres Interesses. Mit ihrem Vorgehen wollte sie ein ffentliches politisches Vorgehen erreichen, das ein die Privatinteressen bergreifendes und ortsbezogenes Handeln ermglicht. ber aktive Mitgestaltungs- und Kontrollmglichkeiten sollte eine Identifikation der Bewohner mit ihrem Ort stattfinden. Greverus stellte drei Hypothesen bezglich rumlicher bzw. lokaler Identitt auf: 1. Die Identifikation mit einem Raum hngt vom Grad der in diesem Raum mglichen Befriedigung von Lebensbedrfnissen ab, denen verschiedene Raumorientierungen zugrunde liegen. Je besser diese Bedrfnisse befriedigt werden, desto grer ist das Identifikationspotential, das zur Anerkennung dieses Raums fhrt. 159 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt 2. Je konfliktreicher sich in einem gegebenen Raum fr die Einzelnen die unterschiedlichen Raumorientierungen gegenberstehen und je soziokonomisch heterogener der Raum besetzt ist, desto

strker ist die Tendenz zur privatistischen Konfliktlsung im Rahmen individueller und/oder interessengruppenspezifischer Mglichkeiten. 3. Je strker in eine rumliche Entwicklungsplanung eine kollektive Konfliktlsungsstrategie einbezogen wird, desto grer sind die Chancen fr eine solidarische Zusammenarbeit der Bewohner hinsichtlich der Interessenvertretung ihres Lebensraumes. Zur berprfung dieser Hypothesen hat Greverus dann ihr so genanntes Raumorientierungsmodell entwickelt, bei dem es sich um die Weiterentwicklung eines Modells des Soziologen Erik Cohen handelt. In ihrem Modell gibt es vier wesentliche Raumorientierungskategorien: 1. Die instrumentale Raumorientierung bezieht sich auf die Ressourcen fr die materielle Existenzsicherung, ihre Erschlieung und ihre Nutzungsmglichkeiten. 2. Die kontrollierende Raumorientierung bezieht sich sowohl auf die for-melle als auch informelle Kontrolle und Mitbestimmung, die die Be-wohner im ffentlichen und privaten Bereich der Raumnutzung und -gestaltung besitzen. 160 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt 3. Die soziokulturelle Raumorientierung erwchst aus der fr die Entfaltung der Persnlichkeit wichtigen sozialen und kulturellen Bettigungsmglichkeiten. Dazu zhlen Interaktionsmglichkeiten, Erholungsmglichkeiten und insgesamt die verschiedenen Aktivittsmglichkeiten. 4. Die symbolische Raumorientierung bezieht sich sowohl auf sthetische Prferenzen als auch auf die spezifischen Traditions-, Imageund Erinnerungswerte, die mit den Rumen und Raumdetails verbunden sind und in die Weltsicht der an ihnen orientierten Menschen eingehen. Je konfligierender sich nun in einem gegebenen Raum die unterschiedlichen Raumorientierungen gegenberstehen, desto strker wird die Identittsdiffusion in und gegenber diesem Raum sein, desto strker wird die Identitt beschdigt. Hinter dem Raumorientierungsmodell steht der Gedanke, dass alle vier Kategorien fr das menschliche Wohlbefinden von gleicher Wichtigkeit sind, gerade in den gegenwrtigen komplexen Gesellschaften aber von einem ausgewogenen Verhltnis der Raumorientierungen nicht mehr die Rede sein kann.

Bei Untersuchungen auf der Basis des Raumorientierungsmodells wurde auf eine ganze Palette von Untersuchungsmethoden zurckgegriffen. 161 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Wenn es um regionale Identitt geht, finden sich hufig positive Zuschreibungen an Orte, Regionen etc. Es gibt aber auch die Kehrseite solcher Identittsbildungsprozesse. Dafr bringt Wolfgang Kaschuba in seiner Einfhrung in die Europische Ethnologie ein glnzendes Beispiel: Der Schriftsteller Jean Amry (1912 in Wien geboren, im Salzkammergut aufgewachsen, und nach einer Buchhandelslehre in Wien an der Volkshochschule ttig, ehe er 1938 nach Belgien floh. Zweimal von den Nationalsozialisten verhaftet, schwer gefoltert und in die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Bergen Belsen verbracht berlebte und war nach dem 2. Weltkrieg als Essayist und Schriftsteller ttig. Whlte 1978 den Freitod) hat die Schwierigkeiten mit dem Begriff Heimat aufgrund seiner traumatischen Erfahrungen immer wieder zum Thema gemacht unter anderem in seinem Essay Wieviel Heimat braucht der Mensch? Darin schildert er, wie er als sterreichischer Jude allerdings als assimilierter, katholisch erzogener Jude und Linker 1938 vor dem Nazismus nach Belgien flieht, in Antwerpen als Exilant und Antifaschist jenes Deutschland bekmpft, sich zugleich aber auch

vor Heimweh nach ihm verzehrt. 162 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt Amry beteiligt sich am aktiven Widerstand. Kurz bevor er 1943 verhaftet, gefoltert und ins Konzentrationslager gesteckt wurde, erlebte er Folgendes. Seine Wohnung, die auch als Sttzpunkt der illegalen Arbeit dient, wird von einem im Hause wohnenden SS-Mann betreten, der sich nichts ahnend lediglich wegen des Lrms aus dieser Nachbarwohnung beschweren und seine Nachtruhe einfordern will. Die Situation wird fr Amry grotesk und er schreibt: Er stellt seine Forderung und dies war fr mich das eigentlich Erschreckende an der Szene im Dialekt meiner engeren Heimat. Ich hatte lange diesen Tonfall nicht mehr vernommen, und darum regte sich in mir der aberwitzige Wunsch, ihm in seiner Mundart zu antworten. Ich befand mich in einem paradoxen, beinahe perversen Gefhlszustand von schlotternder Angst und gleichzeitig aufwallender familirer Herzlichkeit, denn der Kerl erschien mir pltzlich als ein potentieller Kamerad. Einerseits fhlt sich Amry berwltigt durch die Rhrung, diesen seit Jahren nicht mehr vernommenen Dialekt als Heimatklang wieder zu hren die Sprache als den symbolischen Ort der Heimat. 163 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt

Andererseits berwltigt ihn die Todesangst dieser Situation, in der sein Landsmann zu seinem Mrder werden knnte. Es ist ein fast absurder Zwiespalt, der gefhlsmige Momente eines vlligen Identisch-Seins mit dem klaren Wissen eines absoluten Nicht Identisch-Seins verbindet. Was heit da Heimat, was nationale Identitt, wenn er bei Fremden in Belgien Sicherheit finden, whrend er vom Nachbarn den Tod erwarten kann? Amry antwortet darauf: Die Feindheimat wurde von uns vernichtet, und zugleich tilgten wir das Stck eigenen Lebens aus, das mit ihr verbunden war. Der mit Selbstha gekoppelte Heimatha tat wehe, und der Schmerz steigerte sich aufs unertrglichste, wenn mitten in der angestrengten Arbeit der Selbstvernichtung dann und wann auch das traditionelle Heimweh aufwallte und Platz verlangte. Interessant ist hier allerdings nicht nur die Frage, die Wolfgang Kaschuba stellt, was hier Heimat heit. Ebenso interessant ist die Tatsache, dass Amry seiner Herkunftsregion affektiv so verbunden ist, dass er es trotz aller Schrecken und Geschehnisse nicht vermag, diese emotionale Bindung zu kappen. 164 Einfhrung in die Europische Ethnologie Identitt 165

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